Oslo Ghost Walk ODER Ich weiß jetzt, wo die leichten Mädchen stehen

Am Mittwochabend waren wir unglaublich mutig. Wir haben im Kafe Celsius am Christianiatorv gegessen. Und das war nicht deshalb mutig, weil das Essen dort von zweifelhafter Qualität wäre oder die Bedienung miserabel – oh nein. Das war unglaublich mutig, weil…es dort spukt!

Ein schauriges Hallo meine lieben Leser, wie schön, dass wir uns hier wieder treffen! Heute wird es gruselig im Blog, denn ich habe am Mittwoch mit Martin, Eva und Stephan am Oslo Ghost Walk teilgenommen und kann nun nicht nur berichten, in welchem Haus in Oslo es spukt. Oh nein.

Ich weiß auch, wo die Nutten stehen.

Jaha. Das sind doch mal Infos, das muss man doch wissen, das lohnt sich bestimmt nochmal.

Zurück zum Ghost Walk.

In den letzten Wochen habe ich die Krimistadtführung von Freund Ben ins Englische übersetzt und war neugierig, ob es eine derartige Führung auch in Oslo gibt. Krimi gab’s nicht – aber Geister gibt es. Nun ist das strahlende Sommerwetter nicht ideal für eine Gruseltour („Hier in diesem Teil des Gartens – wo gerade Blumen blühen und Vögel zwitschern – hier spuuukt es gaaaanz gewaltig!“ – „Tirilii, tirilliiiii!“), aber anscheinend werden die Touren auf Englisch nur im Sommer angeboten, also hin da.

Bei 22° und strahlendem Sonnenschein treffen wir am Christianiatorv, einem Platz in der Nähe von Aker Brygge, auf Karianne, unseren Guide. Trotz ihres schwarzen Samtumhangs sieht sie wenig gruselig aus, aber wehe, wenn sie losgelassen! Aus der sympathischen blonden Frau strömen Schreckensgeschichten von Exekutionen, Galgen und einem Henker, der nach seinem Tod sein altes Terrain nicht verlassen wollte und dort nun weiterhin wohnt. In transparenter Rauchform. Direkt am Christianiatorv, im heutigen Kafe Celsius. Mitleidig betrachte ich die Gäste auf der Terrasse, die sich völlig ahnungslos der Gefahr aussetzen und vielleicht statt des Nachtischs eine paranormale Erscheinung haben werden. Aber bitte mit Sahne!

Wie die Menschen heutzutage am Christianiatorv in den Restaurants und Biergärten säßen, erzählt Karianne gutgelaunt, so wären sie vor vielen hundert Jahren auf den Platz geströmt, um zu picknicken und die gebotene Unterhaltung zu genießen: Exekutionen. Ja, damals wusste man noch zu feiern.

SAMSUNG

Mit gemischten Gefühlen wandere ich über den Platz und folge der Gruppe zum alten Rathaus, dem Gamle Radhus, in dessen Keller früher Kerker waren. Deren unglückliche Bewohner rächen sich bis heute an allen, die ihre Gemächer betreten. Och schade, in dem heutigen Restaurant hätte ich gern mal gegessen. Aber wenn einem dann ein Geist die eiskalte Hand auf die Schulter legt? Dann doch lieber drüben im Irish Pub Dubliner in der Küche arbeiten: Dort lebt anscheinend ein wahrer Don Juan unter den Geistern, der weiblichen Angestellten in der Küche gerne mal an ihr Hinterteil fasst. Ob man einem Geist eine Ohrfeige geben kann?

SAMSUNG

Karianne erzählt wunderbar witzig, ihre Augen rollen und der lange Vorhang fliegt nur so bei der einen oder anderen Geschichte. Auf dem Weg zum Bankplatz wundern wir uns über die Frauen, die verteilt am Bürgersteig stehen. Aber meine Aufmerksamkeit ist zu sehr von Geistern gefesselt, um wirklich darauf zu achten. In schönstem Sonnenschein erreichen wir Akershus Festung und nach Kariannes Aussagen spukt es hier an jeder Ecke. Wir sollten uns aber nicht sorgen, denn seit der Brücke, die wir überquert hätten, wären wir in Begleitung unseres Schutzgeistes.

Ach, guck.

Wie nett.

Ich gucke mich vorsichtig um, aber…

…da unten stehen auch so viele Frauen. HIER stehen die Nutten von Oslo? Ich würde gern Karianne befragen, die aber nicht wirkt, als könne sie auf eine derartige Frage Auskunft erteilen. Eva kommentiert trocken, das wäre wie in Nürnberg, da ständen die Damen auch an der Burg.

Ist das nicht toll, was Ihr hier lernt?

WIR lernen auf dem weiteren Weg, dass es in einer der wunderschönsten Ecke auf der Festung von Akershus ganz fürchterlich spukt. Nämlich hier:

SAMSUNG

Habt Ihr schon Angst? Jaja, Ihr denkt bestimmt, wie hübsch es hier ist und kuschelig. Denkt nochmal: Hier geht „malus canis“ um – der böse Hund. (Ich hoffe, das stimmt jetzt so, Lateiner vor!) Irgendwann im Mittelalter sollten irgendwelche Götter gebauchpinselt werden, um Oslo vor dem Angriff der Schweden zu schützen. Ein Opfer musste her und da menschliche Freiwillige nicht Schlange standen, griff man sich einen ahnungslosen Hund und mauerte ihn lebendig ein.

Das fand der nun nicht so toll. Nachdem alles Kratzen und Jaulen vergeblich war, hauchte das arme Tier seinen letzten Atem und verstarb. Und dann ging es los. Als rotäugiger Riesenhund mit langen Krallen jagt er seitdem durch die Festung auf der Suche nach Rache. Wer von dem Monster gebissen wird, stirbt innerhalb von drei Monaten an einem schrecklichen Unfall. Ich bin dann mal schnell weiter, drei Monate wäre jetzt doof, wir haben gerade unseren Oktobertrip nach London gebucht.

Noch weitere Schauergeschichten strömen aus Karianne, die mittlerweile zum begehrten Fotoobjekt japanischer Touristen mutiert ist. Ich beschließe, die Festung in den Abend- und Nachtstunden von jetzt ab zu meiden und sehe Blut, Galgen und Geister an jeder Ecke des gewaltigen Mauerwerks. Gut, dass die Sonne scheint. Auf dem Weg zu unserem finalen Besichtigungspunkt klärt sich die Frage nach den Damen am Rinnstein auf: Die dünnste und blondeste der anwesenden Frauen steigt nach kurzer Diskussion und einigen Augenaufschläge in den VW eines älteren Herren, dem wohl nicht nur die Vorfreude im Gesicht steht. Auf einer Bank am Platz sitzt eine dunkelhaarige Schönheit erschöpft nach getaner Arbeit und wir diskutieren kurz die Anforderungen des Gewerbes.

Also nicht sie und ich.

Eva und ich.

Wissen wir das nun also auch und hören uns die letzte Geschichte von Karianne an, die mich für einige Zeit davon abhalten wird, Tiefgaragen zu betreten. Sogar die Ghostbuster hätten sich dort nicht hineingetraut! Ich sage nur so viel: Kommt nach Oslo, aber übernachtet nicht im First Hotel Grims. Hui-Buh!!!!!!

Nach knapp zwei Stunden ist unsere Tour zu Ende, ein toller Spaß war es! Nun haben wir vor allem eines: Hunger und Durst. Wohin, wohin? Wir wandern zurück Richtung Christianiatorv, als unser Blick auf das gelbe Haus an der Ecke fällt. Das Henkerhaus. Das Haus, in dem Lichter wie von Geisterhand an- und ausgehen, Kassen durch die Luft fliegen und Kellnerinnen erschreckt werden.

Oh lecker, die haben hier Fischsuppe!

Entschlossen blicken wir vier uns an. Who ya gonna call?

Und gehen hinein.

Auf dem Innenhof findet sich noch ein Tisch, nahe am Eingang und so werden wir unmittelbar Zeuge, wie eine Kellnerin stolpert und ihr Messer auf den Boden fällt!!!

Hui-buh!!!!!!

Ja, mehr ist dann nicht passiert. Das Essen war lecker (leider nicht für Martin, denn unser Bruscetta schwamm in Balsamico-Essig 😦 ), der Abend mild und kein Geist wagt sich in unsere Nähe. Gut, das nächste Mal gehen wir im Gamle Radhus essen, vielleicht passiert da was. Wer zweifelt, dem erscheinen sie, meinte Karianne. Warten wir es ab!

Das war es für heute meine lieben Leser. Ich hoffe, Ihr hattet schaurigen Spaß an unserer Tour, guckt doch mal, ob es so eine Führung in Eurer Stadt nicht auch gibt. Plötzlich sieht man Häuser, an denen man immer achtlos vorbeiging, in ganz neuem Licht! Ich werde diesen Text jetzt gleich ins Englische übersetzten, denn eine meiner kanadischen Freundinnen und ich haben uns bei facebook wieder getroffen. Sharon ist ein Fan von Spukgeschichten und hat bestimmt viel Spaß an diesem Artikel. Damit gehen meine wöchentlichen Grüße auch nach Victoria, BC, Kanada zu Sharon: Schön, dass wir wieder Kontakt haben!

Euch allen wünsche ich eine tolle Woche, genießt die Ferien, kommt gut ans Ziel und erzählt mir, ob Ihr an Geister glaubt oder vielleicht schon mal welche gesehen habt???

Ha det bra,

SAMSUNG

„Who ya gonna call?“

Ulrike

Ein Souvenir aus Norwegen ODER Von Waschbärmützen, Strickpullovern und Käsehobeln

DSCN2196

Schon wieder der 24. Mai. Wahnsinn…..

24.???

DER VIERUNDZWANZIGSTE???

Das heißt…lass mich kurz rechnen…Mai, Juni, Juli….

In sieben Monaten ist Heiligabend!!! – Ich habe noch gar keine Geschenke!

Hallo aus Oslo, meine lieben Leser, wie schön, dass wir uns endlich wieder treffen! Fast vier Wochen liegt der letzte Blog zurück, so eine lange Pause hatten wir ja noch nie. Unverzeihlich! Ich hoffe, es ist überhaupt jemand da, der diesen Blog jetzt liest!

Hallo?

HALLOO?????

SEID IHR DA?????????

Ich war in Deutschland und ich sage Euch: Schön war es mal wieder. Angefangen mit einer gemütlichen Fährfahrt, die uns aus dem eisigen Griff Norwegens in die fast subtropischen Temperaturen Kiels gebracht hat; weiter mit dem Wiedersehen von lieben Zwei – und Vierbeinern; dann ein kräftezehrender und mutlosmachender 10km-Lauf in Hannover mit fantastischem Unterstützungsteam; selbstgemachten Geschenken für den nächsten Winter in Norwegen; köstlichem Spargel und Sherlock Holmes; Tierparkbesuch und lukullischem Zeltabenteuer mit Lagerfeuer und super Laune und schließlich die gemütliche Fährfahrt zurück ins mittlerweile grünblühende Oslo. Danke Euch allen für eine tolle Zeit!

Nun aber zurück zur Arbeit!

Wir sind doch nicht zum Spaß hier heute, oben habe ich ein aktuell bestehendes Problem beschrieben:

Nur noch sieben Monate bis Weihnachten, was soll ich schenken?

Wenn man wie wir in einem fernen, fernen, fernen Land wohnt, bietet es sich immer an, landestypische Produkte zu verschenken. Weniger an die Freunde vor Ort, das wäre wohl ein bisschen überflüssig: „Oh, toll, ein Tasche mit norwegischer Flagge. Tu‘ ich mal zu den anderen.“, als natürlich mehr für Freunde und Familie in den heimatlichen Gefilden.

(Gefilden ist ein lustiges Wort, oder? So schön alt. Ich lese gerade zum x-ten Mal „Die unendliche Geschichte“ und das Buch ist voll von schönen, gutschmeckenden, alten Wörtern und Beschreibungen. Ich rate dringend allen, die das Buch noch nie gelesen haben, das umgehend nachzuholen. Dringend! – STOP! – Also natürlich erst hier den Blog zu Ende lesen, ja? … also mal ehrlich… Der Begriff Gefilde stammt übrigens vom althochdeutschen gifildi und bedeutet: Die Gesamtheit der Felder. Toll, oder? Und hat sich bis heute irgendwie erhalten.)

Souvenirs aus Norwegen ist also das Thema des Blogs und da stellt sich natürlich die Frage: Was schenkt man wem und warum? Ich bin gestern in Oslo unterwegs gewesen und habe eine kleine Auswahl möglicher und unmöglicher Landesgeschenke zusammengestellt. Diese lassen sich thematisch untergliedern – jawoll – und zwar wie folgt:

  1. Souvenir mit norwegischer Flagge
  2. Souvenir mit dem Schriftzug „Norge“, „Norway“, „Norwegen“, oder „Norvège“, gern auch in Chinesisch oder Arabisch.
  3. Souvenir mit Flagge UND Schriftzug für liebe beschenkte Mitmenschen, die die Flagge nicht erkennen.
  4. Souvenir mit Schriftzug „Oslo“ uni-lingual (ist das ein Wort? …moment…google…google…AHA! Naja, ok. Passt schon irgendwie)
  5. Souvenir mit Schriftzug „Oslo“ und der norwegischen Flagge. Dies zur Sicherheit für die geografisch unsicheren Mitmenschen, denen man ersparen möchte bei Empfang des Geschenks zu sagen: „Oslo, toll! Nach Schweden wollte ich schon immer mal…“
  6. Königliche Souvenirs
  7. Souvenir mit norwegischen Sehenswürdigkeiten.
  8. Souvenir mit Elch.
  9. Souvenir mit Troll.
  10. Souvenir mit zwei Elchen.
  11. Souvenir mit zwei Trollen.
  12. Souvenir mit drei…….

(Das könnte jetzt endlos so weitergehen, aber mir wird schon ganz schwummerig vom vielen „Souvenir“-tippen, also kürze ich das, Euer Einverständnis vorausgesetzt, mal ab.)

In diesen zwölf…meine Güte…ZWÖLF! Kategorien gibt es dann eine massige Auswahl an Produkten. Dem unentschlossenen Geschenkesucher bieten sich: Tassen und Teller, Becher und Gläser, Mützen, T-Shirts, Sweatshirts, Unterhosen und Socken, Taschen und Beutel, Gabel, Messer, Licht, Tischsets und Kerzenleuchter, Fingerhüte und Handytaschen, Kugelschreiber, Frisbeescheiben, Angelruten, Mondraketen, Düsenflugzeuge…

Gut, ich übertreibe. Zusammengefasst:

Eine Menge Schrott.

Schrott im positivsten aller Sinne. Schrott zärtlich gemeint. Doch, ehrlich, ich habe auch schon vieles davon gekauft, einfach weil es lustig ist. Okay, Schrott ist etwas harsch. Sagen wir: Unnützer Unsinn. Der aber lustig ist.

Die nächste Kategorie von Geschenken verzichtet darauf lauthals zu zeigen: „Hier ist Norwegen!“ und hat weder Flaggen noch Schriftzeichen. Trotzdem wissen alle: „Norwegen!“ oder wenigstens: „Skandinavien!“ Hierzu gehören: Felle, Wikingerhelme, angebliche oder tatsächliche Handarbeiten aus Norwegen wie Strickmützen, Handschuhe, Filzhausschuhe, Strickpullover, Strickjacken, Strickumhänge und eigentlich alles, was man mit Wolle und zwei oder fünf Nadeln zaubern kann. Außerdem auch komplette Babyeinkleidungen mit norwegischem Muster sowie Küchentextilien und T-Shirts. Für Hartgesottene bietet sich Fellbekleidung an. Mal ehrlich: So schneidig mit einer hellbraunen Waschbärmütze samt Ohrklappen auf dem Kopf durch die heimatliche Fußgängerzone von Pirmasens oder Buxtehude zu bummeln, das hat doch was!

Nun gibt es gerade bei dieser Kategorie immense Qualitätsunterschiede. Manche Sachen haben Qualität und manche…manche eben nicht. Aber da machen es uns die Verkäufer in Oslos zahlreichen Souvenirshops wunderbar leicht und das was teuer ist, ist es meistens auch wert. Hier mal ein Tipp am Rande: Die besten Souvenirshops in Oslo sind meiner Meinung nach am Holmenkollen und „Audhild Viken“ hinter dem Rathaus. Audhild Viken hat im Untergeschoss auch eine ganzjährige Weihnachtsausstellung, die das Weihnachtshaus in Drobak nach Luft schnappen lässt.

Wer mir mal etwas Gutes tun möchte, schenkt mir eine der wunderbar gewebten norwegischen Wolldecken, die es in zahlreichen Farben und Mustern gibt. Überhaupt ist die Mustervielfalt in norwegischem Strickgut einfach nur toll. An dieser Stelle verweise ich gern wieder auf meine Liebe zu Arne&Carlos, den beiden schrägen, norwegischen Strickkünstlern, die übrigens in Deutschland sehr erfolgreich sind.

Die letzte Kategorie ist „Norwegen lukullisch“ und besteht aus Produkten wie geräuchertem Lachs, Freia-Schokolade „Et lytt stykk Norge“, Trockenfisch, Elchsalami (nein, die gibt es nicht in vegetarischer Form, sorry), getrockeneten Elchherzen oder natürlich…stööööööhnnnn….GEITOST!

DSCN1866

Hier ein Tipp für alle Souvenirsuchenden (obwohl, das ist Euch bestimmt schon viel eher eingefallen als mir): Kauft norwegische Lebensmittel im Supermarkt und bringt sie mit nach Deutschland oder Österreich oder in die Schweiz oder wo immer auch Euer Zuhause ist. Erstens ist das so richtig ORIGINAL und außerdem…viel preisgünstiger. Und lustiger. Irgendwie. Und wenn nicht im Supermarkt, dann kauft es im duty-free-shop am Flughafen (in den kann man in Norwegen nämlich auch VOR der Abreise, nicht erst bei der Rückkehr) oder auf der Fähre.

Wer seine Familie und Freunde gern mit norwegischem Alkohol beschenken möchte, scheint wohlhabend zu sein und kann nur eines kaufen: Linjeakvavit. Der Kümmelbranntwein wird in Sherryfässern gelagert und reift 19 Wochen lang auf Schiffen, die den Äquator überqueren. Deshalb „linje“…er hat die Linie überquert. Linjeakvavit hat rund 40% und ist so typisch norwegisch wie…Geitost.

Und, meiner Meinung nach, genauso lecker…

Meine lieben Leser, hier endet unser kurzer Gang durch die norwegischen Souvenirläden. Falls jetzt Wünsche aufgekommen sind, schickt mir eine email und ich gucke, was ich machen kann. Versprochen. Doch, klar, für Euch mache ich doch fast alles.

FAST! Geitost kaufe ich nicht!

Es gibt wirklich schöne Souvenirs, die man sich aus Norwegen mitbringen kann, aber nichts ist schöner, als selber herzukommen und einfach zu gucken und das Land zu erleben. Vielleicht nicht gerade heute: der Schnee schmilzt in Rekordgeschwindigkeit und wir brauchen bald Boote, um einkaufen zu gehen. Einige Orte sind evakuiert, unzählige Straßen und andere Transportwege sind gesperrt und zur Schneeschmelze kommen nun auch noch gewaltige Regenfälle.

Super.

Ich hoffe, Ihr hattet Spaß an unserem Produktausflug: schreibt mir gerne, welche Souvenis Euch einfallen und die in meiner Liste fehlen. Ich mache mich jetzt auf zu einer weiteren Theaterprobe, die Stücke fürs Hausfest am 15.6. nehmen Gestalt an! Meine Grüße gehen in dieser Woche an meine Lauf-Freundin, Teestuben-Verbündete und Theatergruppen-Begeisterte Ines, die nach drei Jahren Oslo verlässt und nach Hamburg zurückkehrt. Alles Liebe für dich, du wirst mir fehlen! Sarah Jessica rocks!

Euch allen wünsche ich eine tolle Woche, guckt doch mal, was in Eurer Stadt typische Souvenirs sind und schickt mir ein Foto! Ansonsten habt Spaß, lockt den Sommer und für das morgige Champions-League-Finale schreibe ich etwas, dass ich fast selbst nicht glauben kann: Go FC Bayern!

Ha det bra,

DSCN2198

Ulrike

Mein Reisetagebuch aus Trondheim oder Ich glaube, ich hab mich verliebt…

800px-CardThisIsTheLife

Dreierbeziehungen sind zum Scheitern verurteilt. Jaja, angeblich hatten Psychoanalyst Carl Jung und seine junge Patientin den halbherzigen Segen von Jungs Ehefrau Emma und angeblich lebte Autor Aldous Huxley fröhlich mit Ehefrau und Mätresse, aber diese rebellischen Ausnahmen von der bürgerlichen Norm bestätigen mich nur darin: Drei sind einer zu viel – und das stellt mich vor die entscheidende Frage: Oslo oder Trondheim?

Hallo meine lieben Leser, wie schön, dass wir uns hier wieder treffen und entschuldigt, dass ich mich Freitag,  an unserem Tag, nicht gemeldet habe. Ich saß laptoplos in Trondheim und habe meinen Tag mit Kaffee trinken, Museumsbesuch und Kino in meiner neuen Liebe verbracht.

Ja, denn ich muss gestehen: Ich habe mich verliebt.

In Trondheim.

Das ist besonders unangenehm, da ich ja Oslo im letzten Blog eine Liebeserklärung gemacht habe. Bin ich nun einfach eine verdammt untreue Seele? NEIN! Vielleicht lässt es sich so erklären: Oslo kenne ich viel besser und die Stadt ist mir natürlich viel näher als die Neueroberung, der Two-Nights-Stand, Trondheim. Ich muss mich auch nicht entscheiden zwischen den beiden, denn es sieht nicht danach aus, als würden wir nach Trondheim ziehen. Alles also gar nicht so schlimm. Nun habe ich meine moralischen Urban-Sünden gebeichtet, mir Luft gemacht und nun kann es losgehen mit meiner Beschreibung der letzten drei Tage!

Dienstag, 2. 4. 2013, 22 Uhr, Oslo

Es gibt schönere Orte als den Osloer Hauptbahnhof um 22 Uhr, aber mit Cheesebites und Kaffee lässt sich das Treiben entspannt beobachten. Der Nachtzug Richtung Trondheim steht schon eine Stunde vor Abfahrt bereit, Hallelujah, und hinein da. Mir steht eine schlaflose Nacht bevor, aber nur halb so schlimm, es hat einen besonderen Reiz in frisch gestärkter Bettwäsche auf einem gemütlichen Etagenbett durch die Nacht zu ruckeln.  Und die Gedanken ruckeln gleich mit…

Ich reise gern. Nur  für ein paar Tage an einem Ort zu sein und ihn dann auf meine Art und Weise zu entdecken. Niemanden zu kennen, aber sich Orte zu schaffen, die langsam bekannt werden. Überall etwas Besonderes zu suchen und zu finden. Ganz viel will ich in die kommenden Tage stecken und bin jetzt schon hibbelig mir einen Stadtplan mit den Highlights bei der Touristeninformation zu holen. Abends werden dann die besichtigten Höhepunkte der Stadt abgehakt. Doch, wirklich, ich mache das. Da gibt es nicht zu rütteln. Es ist stärker als ich.

Ruckel, ruckel…Ich liebe es, unterwegs zu sein. Diese Stimmung auf der Fahrt, weg vom Alltag und seinen alltäglichen Problemen und Gedanken, aber noch nicht ganz da am neuen Ort. Irgendwie dazwischen. Und nirgends. Ruckel ruckel ruckel….Norwegen zieht an mir vorbei. Noch vier Stunden Fahrt. An Schlaf ist leider wirklich nicht zu denken, also lese ich, passend im Titel, Hape Kerkelings  „Ich bin dann mal weg“.

Mittwoch, 3. 4. 2013, 6.50 Uhr, Trondheim

Ich muss mir endlich wieder eine Brille anschaffen! Meine Augen taten heute Morgen, als wären ihnen Kontaktlinsen völlig unbekannt und so stehe ich mit knallroten Heulaugen auf dem Bahnsteig. Mein Elend wird von gutgelaunten Bauarbeitern gelindert, die, mit Körben voller Süßigkeiten bewaffnet, uns Neuankömmlinge begrüßen. Das ist ein Empfangskomitee nach meinem Geschmack.

Trondheim1

Noch habe ich keinen Blick für die Stadt, das Meer oder die schneebedeckten Hügel. Ich will ins Hotel und schlafen. Das Clariton Bakeriet ist unser temporäres Zuhause. In der umgebauten Bäckerei werden wir freundlich begrüßt und zu meinem großen Jubel ist tatsächlich schon ein Zimmer bereit. Ich sah mich schon bis um 12h heimatlos in Trondheim sitzen, aber nein, Zimmer 500…here we come! Nach einem erholsamen Schlaf bin ich bereit, die Stadt zu entdecken. Noch planlos ziehe ich in den sonnigen Vormittag, vorbei an flachdachigen, bunten Holzhäusern auf der Suche nach einem Café, denn ohne Kaffee läuft nichts. Meine Füße schon gar nicht. An einer Straßenkreuzung finde ich, was ich suche: Das Café Dromedar. Das über die nächsten Tage mein zweites Zuhause wird. Mein Fensterplatz erlaubt freie Sicht auf das Treiben der Stadt und ich frage mich, warum ich das hier jetzt schon so nett finde. Ich meine, mal ehrlich:  Ich gucke auf ein Rema 1000, den norwegischen Aldimarkt, eine Bushaltestelle und das imposante Gebäude der Danske Bank. Gaaanz toll, Ulrike, wirklich! Manchmal habe ich sie irgendwie nicht alle. Ich bestelle lieber noch einen Kaffee bei der Angestellten mit dem Dromedar-Tattoo am rechten Handgelenk. Ob die Angestellten hier gebrandmarkt werden nach Unterzeichnung des Arbeitsvertrages? Ich gebe mal vorsichtshalber ein großzügiges Trinkgeld und hoffe, die Ausbeutung der Arbeitskräfte zu stoppen. Obwohl sie eigentlich ganz fröhlich wirken.

trondheim25

Jetzt aber, los! Wo ist die Touristeninformation? Ein Schild führt mich Richtung Torget, zum Markt. Hört sich vielversprechend an. Wie ein Trüffelschwein auf heißer Spur wandere ich los. Der Marktplatz ist unspektakulär, eingerahmt von Einkaufszentren, gelben Holzhäusern und….AHA, dort an der Ecke in einem orangen Haus…die Touristeninformation. 1:0 fürs Trüffelschwein! Beim Fotografieren der imposanten Statue auf dem Platz werfe ich einen ersten Blick auf die Kathedrale. Wie die genau heißt und wer das auf der Statue ist, weiß ich noch nicht, aber gleich bin ich schlauer. Voller Wissensdurst stürme ich die Touristeninformation.

Trondheim6

Das auf der Statue ist Olav Tryggvason, Wikingerkönig und Gründer Trondheims 997 n. Chr.  Lese ich kurze Zeit später und hake Nummer 18 in meiner neuen Broschüre ab.  Die Nidaros-Kathedrale verschiebe ich wegen der kurzen Winteröffnungszeiten auf den nächsten Tag. Bei einem zweiten Kaffee in einer charmanten Außenstelle des Dromedars in der Nordre Gate plane ich den heutigen Tag. Trondheim ist die ehemalige norwegische Hauptstadt, lese ich im Stadtführer, und bietet mehr als 1000 Jahre Geschichte. Sie ist die drittgrößte Stadt Norwegens mit knapp 180.000 Einwohnern und liegt im Bezirk Sør-Trøndelag an der Mündung des Nidelven, des Nid-Flusses. Trondheim ist Universitätsstadt und der Großteil der 30000 Studenten ist an der Technischen Universität Trondheim, der NTNU, eingeschrieben. Die umgebenden Wälder, der Trondheimfjord und der Nidelven, der die Stadt umfließt, geben der Stadt „a unique flavour of metropolitan life and undisturbed nature.“

Metropole und Wildernis  vereint? Ich bin gespannt.

Auf meinen Plan für heute kommt die Altstadt oder Bakklandet und Svartlamon, eine Ökostadt im Aufbau. Keine Ahnung was das bedeutet, hört sich aber irgendwie spannend an. Los geht es! Zu Fuß, das Wetter ist gut und ich laufe gern. Ein Blick auf meinen noch jungfräulichen Stadtplan weist mich nach Osten und ich wandere los. Nun bin ich nicht gerade für meinen Orientierungssinn berühmt. Nach 30 Minuten bemerke ich also erst, dass ich seit etwa 20 davon in die falsche Richtung wandere. Unter einer ökologischen Teststadt konnte ich mir zwar nichts vorstellen, aber ich bezweifele, dass Dönerbuden und Expressreinigungen, Videoshops und Sonnenstudios dazugehören.

AHA! Fehler gefunden, ich hätte an dieser Kreuzung hier…nee hier… nee Quatsch hier…also irgendwie bin ich falsch. Egal, wenigstens habe ich so den Stadtteil Buran auch kennengelernt, weiß, wo der Bus zum Flughafen abfährt, mache ein Foto von der Lademoen Kirche und gehe zurück. Bald stehe ich vor einer gigantischen Baustelle. Auf der anderen Seite soll die ökologische Siedlung auf mich warten, die mir langsam auf die Nerven geht.  Ökologisch hin oder her, ich habe jetzt keinen Bock mehr und überhaupt, wie doof ist das, meinen ersten Tag auf Baustellen und in unspektukalären Vororten zu verbringen. Ökostadt ade! Altstadt, ich komme.

Weise Entscheidung, denke ich wenige Kilometer weiter, als ich von gemütlichen Holzhäusern umrahmt einen ersten Blick auf die Kathedrale werfe.Im dritten „Dromedar“-Kaffee in Nedre Bakklandet  spendiere ich mir zur Belohnung wenigstens die Altstadt gefunden zu haben, einen weiteren Kaffee.

Trondheim27

Dann begebe ich mich auf die Suche nach einem DER Highlights der Stadt: Sykkelheis.

Nun lasse ich Euch einen Moment rätseln.

Allen Hildesheimern sage ich: Den sollten sie am Krehlaberg bauen!!

Hier noch ein Tipp:

Trondheim8

Ein Fahrradfahrstuhl, ja!

Genau habe ich das System nicht verstanden und leider konnte ich auch keinen Radfahrer auftreiben, der unbedingt diesen Berg hochwollte. Eine Schiene scheint Reifen und Fahrer den Berg hochzuschieben, wie man dabei allerdings die Balance halten soll, ist mir schleierhaft.  Lustig ist es auf alle Fälle. Der guten Aussicht wegen wanderte ich den Berg hinauf und sah, völlig aus der Puste, die Festung von Trondheim zum Greifen nah. Die stand zwar für heute gar nicht auf meinem Programm, aber wenn sie sich so aufdrängt…

Kurze Zeit später stehe ich bis zu den Knöcheln im Schlamm. Authentizität ist wichtig, scheint das Motto der Festung zu sein und vor 1000 Jahren gab’s ja schließlich auch keine Asphaltwege, oder?? Also, durch da und nicht gemeckert. Meine linke Socke ist schon mal nass. Das winterliche Tauwetter tut dem steilen Weg nicht wirklich gut und ich wandere über faulendes Gras und Schlamm dem Eingang entgegen. Immerhin ist die Besichtigung kostenlos. Will ich auch hoffen, ich habe immerhin schon ein Paar Socken geopfert. Die Aussicht von hier oben ist wunderbar und ich beschließe auf jeden Fall im Sommer wieder zu kommen, die Menge von Bäumen und Parks muss aus Trondheim ein grünes Meer machen.

trondheim28

Trondheim9

Trondheim10

In der Nähe bewundert eine Familie den weißen Festungsbau. Deutsche, das erkenne ich sofort, von Kopf bis Fuss in Jack Wolfskin gekleidet. Die Deutschen und ihre Liebe zur Wolfs-Tatze ist ein in Europa einmaliges Phänomen. (Update vom 3. 10. 2013: Und fällt auch in Schweden auf. Seht hier!) Gut, die Franzosen mögen Quechua und die Skandinavier Fjällräven. Aber wie sich selbst die wanderfaulsten Deutschen von Kopf bis Fuß in Outdoor-Kleidung stürzen, sobald sie einen Sonntagsspaziergang im Stadtpark unternehmen, das ist einmalig. Und wiedererkennbar. Als ich noch leise in mich hineinlache, höre ich auf plötzlich auf Deutsch: „Entschuldigung, wissen Sie, ob das Kaffee heute noch öffnet?“ Erstaunt blicke ich den Jack-Wolfskin-Vater an und sage: „Nein, das weiß ich leider nicht.“ Als er sich dankend verabschieden will, frage ich: „Wie kommen Sie darauf, dass ich Deutsch spreche?“ Lächelnd antwortet er: „Wegen Ihrer Handtasche. Jack Wolfskin tragen irgendwie nur Deutsche.“

Zack!

Zurück im Hotel versorge ich mich mit trockenen Socken. Den Abend habe ich für mich und beschließe ins Kino zu gehen. „Les Misèrables“ läuft im Nova-Kino, den wollte ich schon seit Ewigkeiten sehen. Ich liebe die Musik, habe das Musical in London gesehen und halte das Duo Boublil/Schönberg für so viel besser als Webber/Rice. Hugh Jackman und Anne Hathaway sehe ich beide gerne, wer sonst mitspielt, weiß ich gar nicht so genau, ich lasse mich überraschen. Das wird schön! Nach 10 Minuten Film muss ich sagen: Nein, das wird es nicht. Hugh Jackman spielt sich die Seele aus dem Leib, singt dabei aber noch ganz verständlich, auch wenn das Rotzen teilweise etwas stört. Mit dieser Darstellung erinnert er mich eher an Wolverine, dessen Adamantium langsam und schmerzhaft schmilzt, als an Jean Valjean. Anne Hatheway treibt mich zu Tränen und bekam ihren Oscar anscheinend auch für ihren Mut derartig roh in die Kamera zu singen. Mir standen die Haare zu Berge, wow. Und dann kam die Überraschung des Abends, der Schreck aus down under, der Gladiator der Nicht-Sänger: Russell Crowe als Javert. Ich muss das nochmal schreiben: Russell Crowe als Javert. Er tut mir fast leid.

Ich kämpfe mich durch den Film, heule am Ende dann doch und nur die urplötzlich reinknallende Saalbeleuchtung erlöst mich aus diesem Alptraum. Ich wackele zurück ins Hotel und Martin und ich lassen den Tag gemeinsam ausklingen. Gute Nacht, Trondheim!

Donnerstag, 4. April 2013, Trondheim

Das Frühstück ist köstlich. In der alten Backstube ist der Speisesaal des Hotels untergebracht, alles ist lichtdurchflutet und freundlich. Trondheim zeigt sich auch in bester Laune, die Sonne strahlt. Ich habe mich von Les Misèrables erholt und freue mich auf die Kathedrale. Martin ist begeistert von seinem Workshop und beschreibt den wunderbaren Ausblick vom Statoil-Büro direkt auf den Trondheim-Fjord. Er schlägt mir vor, das Rockheim-Museum zu besuchen, aber mir ist heute eher nach Geschichte. Wir verabreden uns für abends im Hotel. Gestern habe ich überlegt, ob ich immerzu unterwegs sein könnte. Ja, unter einer Bedingung: Martin wäre dabei.

nordicchoicehotels.no

Speisesaal im Clariton Bakeriet /nordicchoicehotels.no

An der Wetterfront gab es eine Überraschung – aus dem strahlenden Sonnenschein ist dicker Schneefall geworden. Ich gehe zurück aufs Zimmer, um doch die Winterstiefel anzuziehen. Kurze Zeit später stehe ich im strahlenden Sonnenschein, ohne Schnee, auf der Straße. Es ist April, aber so richtig. Egal, lasse ich die dicken Botten eben an. Mein erster Weg führt mich direkt ins Dromedar und als ich an meinem Stammplatz am Fenster sitze, passiert etwas Merkwürdiges: Ich habe das Gefühl, ich wäre schon ewig hier in Trondheim. Alles wirkt vertraut und, ja , ein bisschen wie Zuhause. Verrückt, ich bin doch erst einen Tag hier. Die Stadt erinnert mich in ihrem Aufbau und ihrer Größe, der Lage am Wasser mit den schneebedeckten Hügeln dahinter ein bisschen an Victoria in Kanada. Vielleicht deshalb das heimelige Gefühl.  Trondheim hat definitiv etwas, das mich anspricht. Mehr als Oslo, mehr als Stavanger. Hier passe ich irgendwie hin.

Nun aber Kultur. Auf zur Kathedrale!

Trondheim13

Die Kathedrale und ihre Winteröffnungszeiten warten auf mich. Ambitioniert kaufe ich gleich ein Kombiticket, um die Kathedrale, den Erzbischofspalast und die Kronjuwelen in einem Rutsch abzuarbeiten. Die Kathedrale liegt auf dem Südteil der Midtbyen-Halbinsel, gegenüber der Altstadt. Im Mittelalter und von 1818 bis 1906 war sie die Krönungsstätte norwegischer Könige. Danach wurde die Krönung als veraltet abgetan und der entsprechende Paragraph aus dem norwegischen Grundgesetz gestrichen. König Olav V., Vater des jetzigen Königs Harald, nahm die Tradition der Segnung in der Kathedrale von Trondheim 1958 wieder auf. Auch König Harald und Königin Sonja ließen sich auf eigenen Wunsch 1993 in Trondheim segnen. Die Kathedrale ist beeindruckend, aber anscheinend bin ich heute nicht in Stimmung für dunkle Gebäude und graue Steinwände. Nach einer Runde bin ich wieder draußen. Es schneit dicke Flocken und ich rette mich in das Museum des Erzbischofspalastes. Hier sind Originalteile der Kathedrale zu bewundern und der Ausbau der Kathedrale wird anschaulich dargestellt. Nächster Stop: Kronjuwelen.

Ich weiß ja nicht, ob Ihr es schon wusstet, aber ich liiiiiiebe Königshäuser und den damit verbundenen Pomp und Klatsch. Nun also vor den norwegischen Regalien zu stehen, ist aufregend für mich.

Ja, ja, ich weiß, ich hake ja auch Sehenswürdigkeiten in Stadtführern ab.

Die Herrschaftszeichen Norwegens bestehen aus drei Kronen (für König, Königin und Kronprinz), zwei Zeptern und Reichsäpfeln, dem Reichsschwert und dem Salbungshorn. Fotos darf ich nicht machen, aber die wären in der schummerig beleuchteten Museumshöhle wohl eh nichts geworden. Die Kronen sind wunderschön, die Königskrone mit Amethysten, einem Topas und vielen Perlen verziert. Die Krone der Königin ist kleiner und mit 1578 Perlen verziert.

Ich habe nachgezählt, na klar!

Mein Abschied vom Museum fällt schwer – draußen tobt ein mittlerer Schneesturm.

Trondheim14

Aber das Museum schließt in 30 Minuten, also raus in den Schnee. Nach wenigen Minuten kehrt die Sonne zurück und ich wandere beschwingt weiter durch die Stadt. Richtig erkunden kann man einen neuen Ort wirklich nur zu Fuß. Nur so ist man richtig spontan. Ich wandere am Rathaus vorbei, das eine verblüffende Ähnlichkeit mit dem Schloss in Oslo hat und stoppe kurz bei der Go’dagen-Statue am Marktplatz. Meinem Stadtführer zufolge stand eine Frau Modell, die nach Trondheim kam, um als Dienstmädchen zu arbeiten. Nachdem sie in Ruhestand war, verbrachte sie ihre Tage gern am Marktplatz und begrüßte alle, die an ihr vorbei kamen, mit einem freundlichen „God dag!“ Den Namen der Frau konnte mir niemand sagen. Ich nenne sie also Fru Ella, weil mir das gut gefällt. Trondheim hat sich mittlerweile in einen schneebedeckten Traum verwandelt und ich beschließe ein bisschen wandern zu gehen. Es soll einen wunderschönen Spazierweg im Stadtteil Ila geben, also springe ich spontan in einen Bus und lasse mich überraschen.

In Ila schneit es so dicke Flocken, dass ich den Fluß, an dem der Wanderweg entlangläuft, gar nicht erkennen kann. Aber ich höre ihn neben mir gluckern und stapfe durch die Winterpracht. Die Leute müssen denken, ich habe einen an der Waffel. Aber ich hatte ein Bild mit einer Holzbrücke in einem Park gesehen und die will ich jetzt finden.

Trondheim15

Ein wirklich toller Weg, der im Sommer eine wahre Freude sein muss, ebenso wie der Park in Ila. Eine Gruppe von Vorschülern und ich haben auf jeden Fall viel Spaß am Schnee und beim Rutschen auf der eisglatten Treppe. Oben angekommen habe ich, vermutlich, einen tollen Ausblick auf den Fjord, leider sehe ich außer tanzenden Schneeflocken gar nichts. Ich rutsche vorsichtig die bergige Straße herunter und werde von einem Jogger überholt, der sich sicher auf dem rutschigen Untergrund bewegt.

Angeber!

Für heute ist es genug. Zurück geht es ins Hotel, wo erst selbstgemachte Waffeln und dann ein leckeres Abendbüffet warten. Alles im Preis inbegriffen. Tolles Hotel, ich sag es ja. Morgen plane ich das Trondheim Museum, die Hurtigruten und einen kleinen Shoppingtrip mit Martin ein. Abends gehen wir ins Kino und essen. Um 23 Uhr geht unser Zug nach Oslo. Für heute: Gute Nacht, Trondheim!

Freitag, 5.4. 2013, immer noch Trondheim

Happy Birthday Britta!! Ich schicke schon mal telepathische Geburtstagsgrüße an meine liebe Freundin nach Hildesheim. Geburtstagswetter herrscht auch: Sonne pur!! Fast verwerfe ich den Museumsplan, denn das Wetter lockt mehr zum Wandern. Nach einem obligatorischen Kaffee im Dromedar, führt mich der Weg aber zum Hafen. Die Hurtigrute, das kultige Postschiff, das die norwegische Küste entlangfährt, legt um 12 Uhr von Trondheim ab. Da muss ich doch ein Foto machen. Die Hafengegend um Brattøra ist eine große Baustelle, die Ausschilderungen kompliziert, aber irgendwann stehe ich vor dem rotweißen Postschiff mit dem Namen Kong Harald. Seit 1893 verbindet die traditionelle Postschifflinie auf über 2700 Kilometern die Orte an der norwegischen Westküste. Längst sind die alten Postschiffe zur Touristenattraktion geworden und befördern nun neben Post und Waren auch Passagiere. Ich sitze im strahlenden Sonnenschein auf dicken Felsen am Strand und genieße die Aussicht und winke der Kong Harald bei der Abfahrt zu.

Trondheim18

Trondheim17

Trondheim19
Ein älterer Herr steht samt Fahrrad am Kai und winkt ebenfalls dem Schiff nach, als es gemächlich den Hafen verlässt. Jeden Tag tue er das schon, erzählt er mir. Man brauche eben Rituale und das hier wäre seins. Einmal hätte er die Reise gemacht auf der Hurtigrute gen Norden und wüsste, wie viel Schönes die Passagiere sehen werden. Damit radelt er davon und lässt mich mit meinem Fernweh allein. Ich will auch sofort auf das Schiff!!!

Stattdessen wandere ich ins Trondheim Kunstmuseum. Der untere Teil des wird gerade für eine neue Ausstellung vorbereitet, für den halben Preis komme ich also in den Genuss der zweiten Etage, wo gerade Werke der deutschen Künstlerin Mariele Neudecker ausgestellt werden. Der Ausstellungsraum begrüßt mich mit einem Lichterspiel, das den ganzen Raum erstrahlen lässt. Die Kunstwerke sprechen mich an, sind teilweise amüsant, anrührend, verwirrend. Das Konzept der Ausstellung ist klar und verständlich,  besonders gefällt mir das Nebeneinander von Alter und Moderner Kunst. Um das Finden von Gemeinsamkeiten gehe es dem Museum, informieren mich die Schilder zu den Themen „Macht“, „Landschaft“ und „Auge“.

Trondheim20

Trondheim 23

Mariele Neudecker 400 Thousand Generations

Ich treffe den Kurator Pontus Kyander im Treppenhaus und er entschuldigt sich für die Umbauten. Ich erkenne ihn wieder aus meiner Touristen-Abhak‘-Broschüre, er ist wie ich ein großer Dromedar-Kaffeehaus- Fan. Das erwähne ich natürlich nicht, sondern bedanke mich für die interessante Ausstellung und verspreche wieder zu kommen.

Dass ich nach Trondheim zurückkomme, steht außer Frage. Ich will diese Stadt, die mir so ungewöhnlich vertraut ist, unbedingt im Sommer erleben.  Ich will die Mönchsinsel besuchen und das St.Olafs-Festival, will die Kathedrale inmitten blühender Bäume sehen und in der Altstadt einen Kaffee vor dem Dromedar trinken. Martin teilt meine Meinung glücklicherweise und wir planen abends beim Inder unseren Sommerbesuch. Vielleicht auch einen Frühlingsbesuch. Und einen Herbstbesuch natürlich. Für jetzt aber heißt es nach drei Tagen aber leider: Tschüß, Trondheim! Bis ganz bald!

Als ich einige Stunden später im Schlafwagen schlaflos durch die Nacht ruckele, mag ich mein Leben mal wieder so richtig: Viel unterwegs sein, immer neue Dinge entdecken, das Ganze mit Martin zu teilen und hinterher darüber schreiben und es mit Euch teilen zu können. Und Oslo erklären, dass sie nun eine Nebenbuhlerin hat, das schaffe ich auch noch. Vielleicht haben Dreierbeziehungen ja doch einen guten Ausgang.

Trondheim26

Das war es für heute, meine lieben Leser. Ein langer Blog ist es geworden, ich hoffe, Ihr habt es bis hierhin geschafft! Solltet Ihr nach Norwegen kommen, besucht Trondheim auf alle Fälle! Ich bleibe nun ein paar Wochen in Oslo, bevor wahrscheinlich im Mai die Fähre nach Deutschland für einen kurzen Trip ablegt. Euch allen wünsche ich eine schöne Woche, lass es Euch gut gehen und habt einfach mal Spaß!

Meine Grüße gehen in dieser Woche an Imke und Kai in Hannover, ich drücke Euch und hoffe, dass ich Euch ein wenig zum Lachen gebracht habe.

Ha det,

Trondheim29

Fru Ella und ich

Ulrike

Are you serious, Damien Hirst? ODER Mein Besuch im Astrup Feanley Museum in Oslo

ICH1

Manchmal wünsche ich mir, meinen Charakter wie einen alten Mantel ausziehen zu können. Oder unnütze Teile kurz deaktivieren zu können. Aber trotz aller technischen Fortschritte ist das leider (noch?) nicht möglich.  Also stand ich gestern, charaktertreu, im Astrup Fearnley Museum in Oslo vor einer Kuh in Formaldehyd und war geschockt.

Hallo, meine lieben Leser, wie schön, dass wir uns hier wieder treffen. Diesmal meine ich das mit noch mehr Enthusiasmus als gewöhnlich: Ich habe die ganze Woche Texte über Provinzen in Kanada geschrieben und heute zum ersten Mal das Gefühl, ein bisschen loslassen zu können. Einfach mal drauflos zu rabbeln und nicht auf jede Formulierung achten zu müssen. Schön ist das! Da kann ich einfach mal so kuckiduckiloresdoressabbelbrabbeltitt schreiben und niemanden stört es!

Ach doch, wirklich?

Dann lies die Kolumne im STERN, da passiert sowas nicht!

Ehrlich mal…manche Leute…*grins*

Ich war also im Museum, meine lieben in 7er-Gruppen-Wochenend-bereiten-Leser. Im Neubau des Astrup Fearnley Museum in Tjuvholmen in Oslo, einem architektonisch wunderschönen Gebäude mit riesigen Glasfronten direkt am Oslofjord.

Af1

@UlrikeNiemann

Innen ist alles hell und hoch und das Verhältnis zwischen Raum und Ausstellungsstücken ist in wunderbarer Balance.

Af2

@UlrikeNiemann

Da stand ich also inmitten einer Gruppe lustiger Norwegerinnen und nahm die ersten Eindrücke auf. Ich bin ein Fan moderner Kunst, aber auch völlig ahnungslos. Ich lasse mich gern von verrückten Ideen unterhalten, von ungewöhnlichen Techniken überraschen und je witziger ein Kunstwerk ist, umso angetaner bin ich. Mein Blick fiel auf eine riesige Leinwand, die mit pastellfarbenen Streifen und Klecksen überzogen war.

@UlrikeNiemann

@UlrikeNiemann

Tolle Farben, dachte ich und trat näher ran. „Don’t judge a book by its cover“ lautete der Titel (grob übersetzt: Lass dich nicht von Äußerlichkeiten beeindrucken) und gerade als ich das frühlingshafte Kunstwerk betrachtete und mich fragte, was wohl mit diesem Titel gemeint ist, ertönte neben mir: „Tyggegummi!“ Ich blickte zum Boden, um nicht auch aus Versehen in das Kaugummi zu treten, von dem meine Nachbarin angewidert berichtete. Sie blickte allerdings nicht nach unten. Sie starrte das frühlingsfarbene Kunstwerk vor mir an. „Don’t judge a book….“ Das fröhliche Frühlingskunstwerk verwandelte sich in eine bakterienüberladene Gesundheitsgefährdung als mir klar wurde, dass die rosa, gelb und lindgrünen Farbspritzer in Wahrheit durchgekautes Kaugummi waren. Wie lange, um Himmels Willen, hat hier jemand Kaugummi gekaut? Hatte der Künstler, Dan Colen, dafür Assistenten? Ich war sprachlos und trat erst mal einen Schritt zurück.

Und musste grinsen.

So mag ich das.

Das nächste Bild von Dan Colen, „Miracle on 34th street“, betrachtete ich also schon mit einem gewissen spaßigen Misstrauen. Eine große Leinwand mit braun-oliv-schwarz-weißen Farbspritzern.

Miracle on 34th Street by Dan Colen

Ehrlich gesagt: Es wirkte wie eine riesige Ladung Vogelmist.

Ich überprüfte die Materialangaben, aber zu meiner Erleichterung bestand das Gemälde wirklich nur aus Farbe. Trotzallem beschloss ich, dass meine Verbindung von Vogelmist als Wunder der 34. Straße richtig war. Überprüfen konnte ich meine Vermutung nicht, denn das technik-verliebte Norwegen gestattete nur Besitzern von Smartphones das Nutzen der Audio-Führungen.

Dann eben nicht.

Ich könnte es mal schnell googlen. Also jetzt hier, in Livezeit am Schreibtisch.

Moment.

Jawoll. Bingo.

“While his large paintings may resemble abstract expressionistic paintings, representing the hey-day of American modernism, they are, in reality, portrayals of bird shit, “action paintings” made from chewing gum with all its connotations of artificiality, carelessness and purposelessness.” (http://afmuseet.no/en/samlingen/kunstnere/c/dan-colen/miracle-on-34th-street)

Besonders die Worte “portrayals of” beruhigen mich jetzt irgendwie. Nur porträtiert ist der Vogeldünger. Irgendwo hat ja auch jeder seiner Grenzen.

Weiter geht die Reise vorbei an Richard Prince, einer unangenehm realistisch wirkenden Statue von Frank Benson hin zu der Frage von Gilbert and George: „War Jesus heterosexuell?“ und der heiteren Aufforderung: „God loves fucking. Enjoy!“

Auf der oberen Etage erwartet mich nicht nur ein Blick auf den Fjord und ein unglaublich kompliziert wirkendes Kunstwerk von Tom Sachs mit dem Titel „London Calling“ sondern ein weiterer Blick in die Prioritäten der ausgestellten Kunst, die mit so fröhlichen Begriffen wie „violated, tortured, mutilated, sodomized…“ die ganze Bandbreite körperlicher Misshandlungen abdecken. Liegt das nur an mir oder gibt es hier keine Schönheit? Schönheit im klassischen, konservativen, gute-Stimmung-verbreitenden Sinne? Natürlich gibt es Schönheit im Hässlichen und viele der Kunstwerke imponieren durch genau diesen Gegensatz, aber gibt es denn niemanden..niemanden…der schön als schön darstellt? Das frage ich mich und betrachte die dreckigen Waschbecken vor mir, deren Titel „Venezianische Brunnen“ mir rätselhaft bleibt.

Trotz aller Kritik: Ich habe Spaß. Aber wo ist denn nun dieses Kunstwerk mit der Kuh, von dem alle erzählen? Das, das ich Euch letzte Woche angekündigt hatte, erinnert Ihr Euch?

Aha, im zweiten Gebäude. Kurzer Weg über eine kleine Brücke und ein schneller Blick zum Fjord, auf dem Eisstücke schwimmen und Möwen sich faul treiben lassen und hinein in die Welt von Damien Hirst.

Manchmal wünsche ich mir, nicht nur meinen Charakter ablegen zu können, sondern auch meine Faulheit in den Griff zu bekommen, die mich davon abgehalten hatte, mich vor dem Museumsbesuch genauer zu informieren. Über Damien Hirst beispielsweise. Den britischen Multimillionär, dessen Kunstwerke seit den 1990er Jahren die Kunstszene im Königreich schocken und den Begriff „BritArt“ etabliert haben.

Und der es für Kunst hält, eine Kuh und ihr Kalb der Länge nach aufzuschneiden, in Formaldehyd zu packen und das Ganze „Mutter und Kind, getrennt“ zu nennen.

(Davon möchtet Ihr ein Foto? Dann müsst Ihr googlen. Ich setze es hier nicht rein. PROTEST!)

Ich war angewidert und entsetzt und, meinem Charakter entsprechend, nicht gerade schweigsam über meine Empfindungen. Schade eigentlich. Manchmal wäre ich wirklich gern so cool und abgebrüht wie die Besucher um mich herum, die sich nicht im Geringsten von den Tierleichen stören ließen. Die sich volllullen ließen von den Ausführungen über die bildgewaltige Kunst des Briten, der neben den beiden Kühen auch Schafe gekreuzigt und Haie eingelegt hat.

Im Gegensatz zu meiner Ankündigung war es also NICHT spaßig, durch die aufgeschnittenen Hälften einer ehemals lebendigen Kuh zu gehen.

Was natürlich nicht die Schuld von Damien Hirst ist.

Sondern meine.

Ich kann halt nicht gegen meinen Charakter.

*räusper*

Adrenalingeladen ging ich durch den Rest der Ausstellung, ließ mich aufheitern von Jeff Koons „Michael Jackson with Bubbles“,

Jeff Koons

Photo © Douglas M. Parker Studio, Los Angeles

betrachtete Fotos deutscher Künstler wie Thomas Struth und Andreas Gunsky, ignorierte ein weiteres Kunstwerk von Damien Hirst und beendete meinen Museumstag, ohne den Souvenir-Shop betreten zu haben.

Das will etwas heißen.

Das ist nämlich ganz uncharakteristisch für mich.

Das war es schon für heute, meine lieben Leser. Besucht das Astrup Fearnley Museum und schafft Euch einen eigenen Eindruck. Oder besucht einfach mal wieder ein anderes Museum in Eurer Nähe und lasst Euch von Schönheit oder Hässlichkeit, von Mut oder Dummheit, von Ideen oder Stereotypen unterhalten.

Oder aufregen.

Kommt auf Euren Charakter an.

Der Schnee in Majorstuen ist langsam auf dem Rückmarsch und ich bilde mir ein, mehr und mehr Vogelstimmen zu hören. Vor meinem Fenster hängt ein Meisenknödel, der tatsächlich eine benachbarte Meise angelockt hat, die mir regelmäßig den Vormittag verschönt. Dieses Wochenende wird ruhig und das ist auch gut so, noch ist die Grippe/Erkältung nicht ganz aus meinen Knochen, während es bei Martin gerade erst loszugehen scheint. Warten wir mal ab.

Ich wünsche Euch allen eine schöne und gesunde Woche, überprüft mal wieder Euren Charakter, lasst Euch in fremde (Kunst-)Welten treiben und seid albern. Einfach mal so. Meine Grüße gehen diese Woche an Freund Chris in Hildesheim mitsamt einem dicken TOI TOI TOI für den neuen Job!

Ha det bra,

DSCN0780

Ulrike

Norwegisches Fernsehen im Selbstversuch oder Wer ist Albus Humlesnurr?

index

Der Weltrekord im Dauerfernsehen liegt bei 86 Stunden und 37 Minuten und wurde 2012 von zwei Amerikanern aufgestellt, die sich über vier Tage lang Folge um Folge der Kult-Serie „The Simpsons“ ansahen.

Mein TV-Marathon dauerte nur 11 Stunden, aber es war norwegisches Fernsehen.

Das zählt dreifach.

Guten Morgen, meine lieben Leser, wie schön, dass wir uns hier wieder treffen. Gestern war also Fernsehtag. Mein Ziel: Euch das norwegische Fernsehen nahe zu bringen. Was passiert in Norwegen den Tag über? Welche spannenden Ereignisse werden live übertragen? Worüber spricht, lacht und wundert sich die Nation? Kein Medium ist besser geeignet ein Land zu verstehen als Fernsehen.

Wir verfügen über die ungeheure Anzahl von 18 Sendern. Davon scheiden einige aus: National Geographic, Discovery Channel, CNN, eurosport, MTV und travel channel sind als internationale Sender raus aus dem Rennen. Bleiben noch 12. Davon fallen einige weg, weil sie von morgens bis abends US-amerikanische Serien zeigen.  Am Ende blieben mir: NRK 1, TV 2, NRK 2 und NRK Super, der Kinderkanal. NRK 3 sendet erst ab 19.30.

Eine überschaubare Auswahl.

Kaffee und Brötchen, Fernbedienung, TV-Zeitung und ich machen es uns gemütlich.

Seid Ihr bereit?

Uuuuund losgezappt:

Es ist 9.13 Uhr und auf NRK 1 laufen die „Morgennytt“, die Frühnachrichten. Eine englisch-sprechende, knallhart wirkende Dame im roten Oberteil erklärt vor einer Versammlung von Presseleuten: „We will catch you!“

Wie, was, wen denn bloß?

Schnitt auf Jacques Rogge, NOC-Präsident und Wladimir Putin, Russen-Präsident, die gemeinsam die Olympiastadt Sotchi besichtigen. „Schakal im Strickpullover“-Putin geht davon aus, dass alles pünktlich fertig wird.

Schnitt auf Frau in Rot. „We WILL catch you!“

Ok, es scheint um Sport und irgendwen zu gehen, der mal wieder böse war.

AHA! Licht am Ende des Tunnels: In Australien soll der Drogengebrauch im Sport mittlerweile normal sein. Und die Rot-Toppige will alle Sünder finden.

Viel Spaß.

Weiter geht es sportlich! Das jährliche Rennen auf das Dach der Empire State Buildings in New York fand statt. Irre. Habe ich mal drüber geschrieben.

Die AP und Høyre, also SPD und CDU Norwegens, liegen bei den Umfragen gleichauf mit jeweils 30,2 %.

Ich schalt mal um. Zapp.

Oh süß, auf NRK Super reden gerade zwei gezeichnete Nilpferde miteinander. Das ist doch viel netter als öde Nachrichten. UND lehrhaft, denn alle NRK-Sender bieten ihren Zuschauern Untertitel. Das nenne ich mal Bildungsfernsehen.

Zapp.

Ohhhhh, Jackpot auf TV 2: Norwegian Idol! Nicht, dass ich das jemals geguckt hätte, aber diese auf der ganzen Welt vorkommenden Talentshows üben einen unglaublichen Reiz auf mich aus. Kaum habe ich es mir gemütlich gemacht, kommt die Enttäuschung: Ist gar keine Wiederholung von Norwegian Idol. Ist Frühstücksfernsehen, und die beiden ausgeschiedenen Kandidaten sind zu Besuch.

Kein Wunder, dass die ausgeschieden sind. Haben die etwa so gesungen, wie sie gerade reden?? Der Norwegerpullover des Moderators ist außerdem beängstigend.

Zapp.

OHJE!

„The Real Housewives von New Jersey“ auf TV Norge.

Fünf gebotoxte Frauen und ihre muskelgestärkten Ehemänner grillen am Strand. Ich brauche fünf Minuten um herauszufinden, ob das eine Parodie ist oder eine Art Reality-TV. Zu meinem Schrecken muss ich feststellen: Es ist Reality-TV.

Zapp.

NRK 2 sendet Radioprogramm.

Zapp.

Auf Zebra 2 spielt Ashton Kutcher „Versteckte Kamera“, nennt es „Punk’d“ und bringt Schaupieler Zac Braff beinahe dazu, einen 10jährigen zu verprügeln, der Braffs Porsche angesprüht hat. Das waren noch Zeiten, als Paola und Kurt Felix ihre Späße trieben.

Zapp.

So geht es nicht weiter, ich brauche ein System. Dieses Rumgezappe bringt doch nichts. Ein Blick in die Fernsehzeitung und ich bin irritiert. Hier scheint ein Druckfehler vorzuliegen. Bei NRK 1 lese ich: 11.45 Ut i naturen. 12.00 NRK nyheter. 12.15 Nesten voksen 12.55 Ut i naturen. 13.00 NRK nyhter. 13.05 Planeten vår 13.55 Ut i naturen. 14.00 NRK nyheter.  Das ist ja mal eine Abwechslung.

TV 2 will mich mit der World Snowboard Tour erfreuen. TV Norge mit Will and Grace, Cougan Town oder Friends. TV 3 punktet mit Oprah und Dr. Phil. Ich entscheide mich für NRK 1, TV 2 und NRK super, den Kinderkanal. Damit fange ich mal an.

Und lerne gleich ein neues Wort:  „promper“.

Pupsen.

Das ist doch mal hilfreich und wird meine norwegischen Gespräche bereichern. „Hvordan har du det?“ – „Ja, takk, jeg promper.“ Wunderbar. Außerdem lerne ich von der witzigen, brünetten Moderatorin, dass nachts NICHT alle Katzen grau sind. I mørket er alle katter grå, sagen dazu die Norweger. Schon wieder was gelernt. Hier bleibe ich.

Nächstes Thema: SCHLANGEN!

Zapp.

NRK 1 kündigt „Ei stund i naturen“ an. Ich erwarte Bilder von Norwegen und bekomme: Yellowstone Nationalpark. Auch hübsch. Es geht um Wapitihirsche, die die Wälder verlassen und sich auf dem Parkplatz vor dem Besucherzentrum des Parks aufhalten. Na logisch, ist ja auch viel sicherer da. Keine Jäger, keine Bären. Würde ich auch machen. Sieht komisch aus, wie die Hirsche so über den Zebrastreifen wandern. Nach 10 Minuten ist die Sendung zuende. Hallo?? Ich dachte „ei stund“! Typischer Fehler eines deutschen Hirns: „Stund“ ist Augenblick, Moment….

Zapp.

Ein blondgefärbter Mann im pinken Pulli steht vor einem roten Holzhaus und redet komisch. Die Sendung heißt „Strömsö“ und die beiden Umlaute verraten es sofort:

Wir sind in Schweden.

Es folgen 15 Minuten zwischen selbstgemachtem, schwedischem Ketchup und einer Trommelgruppe aus Ghana. Außerdem lerne ich, wie man aus Maschendraht einen hängenden Blumenkorb basteln kann. Toll.

Zapp.

Awwww, auf NRK Super springen gerade die gepunkteten Küken einer Ente aus einer Höhle im Stamm gen Boden und watscheln hinter der Mutter her ins Wasser. Süüß!

Und auf NRK 1 jagt ein Seeteufel Beute. Auf Norwegisch heißt der Breiflabben. Tolles Wort.

Es ist mittlerweile 13.00 und ich habe Mittagshunger.  Ich tue es dem Breiflabbe gleich und gehe auf Beutejagd. Im Kühlschrank werde ich fündig und genieße schon meinen Salat, während mein Unterwasser-Mittagspartner immer noch hungrig wartet. Vom Dach tropft es auf den Balkon und die Bäume verlieren ihre weiße Zuckerschicht. Kommt etwa der Frühling?

In Japan spielen sie menschliches Domino. Über 200 an Matratzen gepresste Menschen lassen sich umwerfen und liegen sich hinterher lachend in den Armen.  Es kann so einfach sein. Der Rekord in „human dominoes“ wurde 2012 in China aufgestellt. Mit 1001 Teilnehmern.

Zapp.

Mir ist langweilig. Ich gönne mir eine Pause von der Dauerberieselung und plane das Abendprogramm. Ich habe die Auswahl zwischen einer Live-Debatte über die geplanten Ölbohrungen vor den Lofoten, der norwegischen Spielshow „Oppgrader“, der Geschichte des Skispringens, Dr. House oder der norwegischen Realityserie „Hjelp, han pusser opp!“.

Dr. House kenne ich schon, und US-Serien wollte ich auch vermeiden. Geschichte vom Skispringen oder Skifahren ist nicht so spannend und die Lofoten-Debatte lasse ich mir auch entgehen. Ich bin ein Entertainment-Junkie. Bring the games on!!! „Oppgrader“ und danach „Hjelp han pusser opp!“, in dem ein Ehemann mit zwei linken Händen selbstständig eine komplette Wohnung renovieren will. Na, das muss ich gucken!

Zufrieden zappe ich noch ein bisschen weiter im TV rum und lasse meine Gedanken schweifen. Fernsehen ist eine wirklich gute Art und Weise etwas über ein Land zu erfahren. Vorausgesetzt, man erwischt landeseigene Sendungen. Was beschäftigt die Leute? Wie sieht es in anderen Teilen des Landes aus? Worüber reden die Leute? Wer ist gerade populär und warum? Günther Jauch, „Danke Anke“, „Ich bin der Meinung, das war….“, Wum und Wendelin, „Licht aus, Spot an“, Biene Maja sind nur ein Bruchteil von TV-Erinnerungen, die in Deutschland zum Gemeingut gehören. Eine gemeinsame TV-Kultur.

Abends beschließe ich von jetzt an einen Tag der Woche dem norwegischen TV widmen. Schaden tut es nicht, im Gegenteil. Ich habe zahlreiche neue Wörter gelernt, weiß mehr über die Ölbohrungen vor den Lofoten als bisher und konnte fast alle Fragen beim „Oppgrader“-Quiz beantworten. (Wann wurde das norwegische Grundgesetz unterschrieben? Wie hieß der „Rektor“ im ersten Harry Potter? Wer war englische Königin von 1558 bis 1603? Welche norwegischen Fußballfans nennen sich „Tornekratter“? – Der „Rektor“ heißt natürlich Dumbledore. Dachte ich. Aber nicht in Norwegen. Hier heißt er: Albus Humlesnurr. Meine Antwort zählte trotzdem. Fand ich. Oder?)

Morgen lege ich aber einen fernsehfreien Tag ein. Ich glaube, meine Augen sind zu kleinen Quadraten geworden. Fazit des Tages: Ohne die amerikanischen TV-Serien bestände das norwegische Fernsehen wahrscheinlich aus 3 Sendern, die über Natur, Sport oder Tagesneuigkeiten berichten würden.

Und vielleicht würde das sogar reichen.  Einer Statistik der Universität Bergen zufolge verfolgt der größte Teil der Fernsehzuschauer die Sender NRK 1 und TV 2. Mir reicht es für heute auf jeden Fall. Ich muss jetzt noch mein Faschingskostüm basteln. Euch allen schon mal ein kräftiges Helau! In der deutschen Gemeinde sind morgen die Narren los und ich mittendrin. Man gönnt sich ja sonst nichts.

Ich wünsche Euch allen eine schöne Woche mit tollen Erlebnissen, ob nun im Fernsehen oder vor der Haustür sei Euch überlassen, genießt den restlichen Winter und haltet immer die Augen offen!

Ha det bra,

fernsehblog

Ulrike

Von idyllischem Landleben, norwegischer Folklore und windenden Pferden

Ich will norwegische Bäuerin werden.

Sofort.

Ich will ein grasgedecktes, norwegisches Holzhaus mit wucherndem Gemüsegarten, glücklichen norwegischen Hühnern und kleefressenden Kühen. Jeden Morgen will ich mit Heugabel und strahlendem Lächeln bewaffnet mein Reich betreten, juchzend in meiner bunten Tracht eine Pirouette drehen, während Martin auf der norwegischen Geige ein schwungvolles Morgenlied anstimmt. Danach zieht Bauer Martin mit dem tuckernden Traktor hinauf aufs Feld (und singt ein fröhliches Abschiedslied dabei), während ich am bullernden Holzofen köstliche norwegische Teigfladen backe. (Achso, ich hatte die norwegische Heugabel vorher dabei…äh…die nehme ich mit in die Küche. Zum Teigfladen umschichten. Genau.) Abends genießen wir im sonnenblumenüberfluteten Garten ein bescheidenes Mahl und nachdem Martin ein melancholisches, norwegisches Nachtlied gespielt hat, sagen wir den Kühen auf Norwegisch Gute Nacht und fallen erschöpft auf unsere Strohsäcke.

Idyllisch, oder?

Ich war vier Stunden im Norwegischen Volksmuseum.

Das waren vielleicht zwei Stunden zuviel.

Niemand sprach eine Warnung aus, als meine Mutter und ich im strahlenden Sommerwetter Tickets kauften. Die Kartenverkäuferin hätte beim Einlass warnen sollen: „Übermäßiger Folkloregenuss gefährdet Ihre Gesundheit!“

Aber nein.

Ein freundliches Lächeln, zwei Tickets und ein Plan war alles, was wir bekamen. Wir waren auf uns gestellt. Schutzlos der norwegischen Idylle ausgeliefert. Allein gegen die Übermacht lebendig gewordener Farmville-Klischees. Es war aussichtslos.

Bereits kurz nach Betreten des bäuerlichen Disneylands boten uns drei Musiker Unterhaltung mit norwegischen Weisen und Tänzen. Von der Geige begleitet drehte sich das glücklich lächelnde Paar über den staubigen Hof und tanzte den Klapptanz. Gute Laune von Anfang an!

Schwungvoll setzten wir danach unsere Norwegen-Expedition fort. Alle südöstlichen Landesteile sind im Norske Folkemuseum vertreten: Nach den glücklichen Musikern der Telemark erreichten wir die gewaltigen Holzspeicher im Hallingdal, wo uns auf einer Kleewiese ein braune Kuh samt Kalb begrüßte. Auf einer Bank vor den schwarzen Holzlagern im Hordaland, umgeben von norwegischen Apfelbäumen, genossen wir eine kurze Rast.

In mir stieg unerwartet der Wunsch hoch, einen Apfelstrudel zu backen. In Tracht, mit Schürze. Mir wurde warm.

In Trøndelag erwartete uns neben quiekenden und quietschlebendigen Schweinen auch ein furzendes Pferd, das sich just in dem Moment, als meine Mutter sich näherte, seines Darmgases entledigen musste. Irgendwie unfreundlich.

...Ruhe vor dem Sturm...

Nach einer mehrminütigen Lachattacke fand ich mich wieder in der Lage, meine Umgebung zu erforschen und stieß auf einige nützliche Geräte, die bestimmt brauchbar auf meinem Hof wären. Irgendwie bestimmt. Sobald ich herausgefunden habe, wozu dieses Ding beispielsweise nützlich ist.

Meine Transformation war in vollem Gang und auch an meiner Mutter spürte ich erste Veränderungen. Sie schien mehr die technische Seite des Landlebens zu interessieren und fotografierte unentwegt einen 1950er Traktor im Trøndelag. Während ich grübelte, wie viele Hühner meinen idyllischen Bauernhof bevölkern sollen, öffnete sich die Eingangstür des Wohnhauses im  Trøndelag und die 1950er Bäuerin trat heraus. Nun erkennen sich Bäuerinnen natürlich untereinander, und sie lud uns sofort auf eine Tasse Kaffee ein. Wir saßen gemütlich plaudernd in ihrer Küche und bewunderten die alten Requisiten und Dekorationen. Ein wahres Highlight des Besuchs.

Im Numedal war es dann soweit: Ein grasgedecktes Holzhaus mit Gemüsegarten und rauchendem Schornstein stand in seiner ganzen Perfektion vor uns. Möhren, Zwiebeln und Kartoffeln trieben aus der Erde, in einem anderen Beet wuchsen Grünkohl, Rotkohl und Rote Beete. Kartoffelfelder zogen sich durch das ganze Gelände und Johannisbeerbüsche lockten mit vollen Ästen.

Ist es da ein Wunder, dass ich sofort einziehen wollte? Dass ich der Stadt entfliehen und ein auf Misthaufen und Brotbacken zentriertes Leben führen wollte? Strahlender Sonnenschein, ländliche Idylle, Geruch von Früchten, Erde und selbstgebackenem Fladen – es war einfach zuviel für mich. Der Himmel hatte ein Einsehen und öffnete die Schleusen. Direkt vor der wunderschönen Stabkirche erwischte uns der Guss. Doch wahre Norwegenurlauber und künftige Landbesitzer lassen sich nicht entmutigen und nassen Fußes erkundeten wir einen der architektonischen Höhepunkte des Freilichtmuseums.

155 Gebäude bilden auf einer Fläche von 140.000 qm dieses beeindruckende Erlebnismuseum, manche der Häuser können näher erkundet werden und perfekte Fotomotive bieten sich überall. Natüüüüürlich ist es verherrlicht, verkitscht und weit entfernt von jeglicher Realität aber…so what? Manchmal brauchen wir genau das.

..oder das…

Um uns langsam aus der bäuerlichen Idylle in die Großstadtwelt zurückzuführen, boten die cleveren Museumsführer am Schluss eine Besichtigung der „Gamle Byen“, der alten Stadt an, inklusive Kolonialwarenhandel, Apotheke samt Kräutergarten, Tankstelle und Bankhaus.

Doch die bäuerliche Idylle hat sich festgesetzt in mir. Die glücklichen Hühner suchen mich im Traum auf und entrückt betrachte ich Karotten im Supermarkt. Ich sehe mich bereits Röcke schwingend Gras mähen und höre dazu Martins schwungvolles Erntelied erklingen.

Vielleicht..eines Tages…..wer weiß??

Ich kaufe erst mal eine Jahreskarte fürs Museum.

Das war es schon wieder für heute, meine lieben in 7er-Gruppen versammelten Leser. Ich wünsche Euch eine tolle Woche, habt verrückte Träume, lasst Euch begeistern und fahrt mal wieder aufs Land.

Nächste Woche reist meine Mutter schon wieder ab, was ich unerfreulich finde und an Gegenmaßnahmen arbeite. Davon erzähle ich Euch nächste Woche und beschreibe außerdem was passiert, wenn Weihnachten im Juli ist.

Ha det bra,

Ulrike

Von strickenden Norwegern, exklusiven Balkonkonzerten und einem neuerdings alleinstehenden Piraten

Ich beginne diesen Blog am 22. Juni 2012, meinem 17. Hochzeitstag, mit einem Geständnis:

Ich habe mich verliebt.

In einen Norweger namens Arne und einen Brasilianer namens Carlos.

Ich konnte nichts dagegen tun.

Die beiden sind einfach die genialsten, witzigsten und kreativsten Künstler, die mir hier in Norwegen bisher begegnet sind!!! Es war am Montag letzter Woche und ich hatte gerade meine Begegnung mit Sting beim fantastischen Norwegian Wood-Festival verdaut. Julia und ich beschlossen, noch mehr Kultur zu erleben und besuchten das DogA, das norwegische Zentrum für Design und Architektur, das außer interessanten Ausstellungen zwei unschlagbare Vorteile bot: Es ist eines der wenigen Osloer Museen, das montags offen ist und der Eintritt ist frei!

Nichts wie hinein.

Und da, auf einem Buchcover, waren sie: Arne und Carlos. Zwei grauhaarige Männer mit schwarzen Hornbrillen, die auf einem Sofa saßen und…

….strickten.

Beide.

Norwegerpullover mit Marsmännchen-Muster.

Es war um mich geschehen.

Die beiden Designer sind durch ihr erstes Buch „Julekuler“ zu Kultautoren geworden und so manchen skandinavischen oder deutschen Weihnachtsbaum zieren die nach ihren Vorlagen gestrickten Weihnachtskugeln. Sie schaffen es, norwegische Tradition und Popkultur des 21. Jahrhunderts auf eine kreativ-witzige Art zu verbinden, die mich begeistert und von den selbstgestrickten Socken gehauen hat. Seht selbst:

@ Arne&Carlos

Die königliche Familie in glatt rechts.

@Arne&Carlos

Julekuler: Gestrickte Weihnachtskugeln…kommen definitiv an unseren 2012er Weihnachtsbaum!

@Arne&Carlos

Erkennt Ihr es? Traditionsstrick mit Marsmännchen.

Hier nun die beiden live und in Farbe:

http://www.youtube.com/watch?v=FoDghBI3F34

Wunderbar schräg, komisch und hinreißend charmant. I am in love.

Und als wären die beiden strickenden Männer nicht genug, habe ich Sonntag einen Schweden kennengelernt, der mich nicht durch Nadelklappern, sondern Stimmbänder-Akrobatik begeistert hat.

Martin glücklicherweise auch.

Schon seit drei Abenden hatten wir, gemeinsam mit Gisela und Volker, die Konzerte beim Norwegian Wood-Festival verfolgt. Brian Ferry hat uns gefallen, Tom Petty und Lenny Kravitz haben uns gespalten (ich fand Lenny Kravitz GENIAL, stand aber relativ allein da) und Kaizers Orchestra hat uns erschreckt und an sofortigen Umzug denken lassen. (An dieser Stelle Grüße an Christian! :)..) Am Sonntag wurde es Zeit, persönlich beim Festival vorbeizuschauen: Sting stand auf dem Programm!

Der Auftritt um 18.30 interessierte uns nicht wahnsinnig, aber wir vier hatten einen tollen Platz in Nähe der Bühne und den wollten wir bis zum Auftritt von Sting verteidigen. Mit Rotwein, Bier und Erdnüssen ausgestattet, harrten wir der Dinge die da kommen sollten.

Und dann kam er.

Lars Winnerbäck.

Die Musikfans unter meinen Lesern mögen verzeihen, aber ich hatte von dem Schweden mit dem Schirm noch nie gehört. Anders als das im Freibad versammelte Publikum, das ihm ein gewaltiges Willkommen entgegenschrie.

Und dann fing er an und Martin sagte nach zwei Liedern: „Die CD müssen wir haben.“

Haben wir jetzt auch.

Wir haben gejubelt und getanzt und waren fast schon heiser bevor Sting auch nur einen Fuß auf die Bühne gesetzt hatte.

Musik ist immer Geschmackssache, aber ich gebe Euch trotzdem ein Hörbeispiel. Das ist  unter Garantie nicht erlaubt und ich hoffe, dass nicht gleich die WordPress-Blog-Polizei an den Bildschirm klopft. Viel Spaß mit Lars:

http://www.youtube.com/watch?v=EOBOOjQIlvk

Zu Sting kann ich nur sagen: Er kam, sah und siegte.

Toll, ihn mal wieder live zu sehen.

Nun denkt Ihr, meine lieben in 7er-Gruppen versammelten Leser vielleicht, es sei Schluss mit fremden Männern, aber weit gefehlt. Noch einige sorgten für Schlagzeilen diese Woche. Entweder in meinem eigenen Umkreis oder in der achso bunten Welt der Klatschpresse: (Ich rate allen Yellowpress-Gegnern den folgenden Absatz zu überspringen!)

Johnny Depp hat sich getrennt!

Ja gibt es denn das?? Seit 14 Jahren ein Traumpaar, zwei tolle Kinder, ein idyllisches Leben in der französischen Einöde und kaum ziehen sie nach L.A.: zack, bumm, aus. Ein Schocker. Nun zieht er angeblich von Party zu Party mit Marilyn Manson, während Vanessa sich fragt, warum sie nicht in Plan-de-la-Tour geblieben sind.

Sacha Baron Cohen in „The Dictator“. Ich muss zugeben: Ich habe gelacht. Mehrmals. Lauthals. Glücklicherweise hat Mr. Cohen mich in meinen Vorurteilen bestätigt und einige völlig geschmacklose Szenen in seinen Film aufgenommen. Ansonsten wäre ich noch zum Fan mutiert. Aber soweit kam es nicht. Puuh. Trotz allem ein sehr witziger Abend, der darin gipfelte, dass Deutschland das erste Tor gegen Holland schoss, als Catharina und ich die Kneipe betraten, in der unsere Männer den Ball verfolgten. Wie schön, mit einem derartigen Jubel begrüßt zu werden.

Jaaaa, das galt nicht uns, ist ja gut.

Trotzdem nett. *lach*

Die früheste Begegnung mit einem Mann hatte ich in dieser Woche mit unserem, während des Aufenthalts in Oslo zum Wikinger mutierten, Freund Volker: Um 6.30 Uhr trafen wir im Wohnzimmer aufeinander und begannen unseren Freitag auf wunderbare Weise. Wir suchten gemeinsam einen Parkplatz. Das schweißt zusammen. Ein toller Besuch war es und ich hoffe, dass Gisela und Volker genauso viel Spaß hatten wie wir. Beim nächsten Mal pusten wir auch die Wolken am Holmenkollen weg, versprochen!

Eine unerwartet tolle Begegnung hatte ich mit einem Mann namens Bileam, dessen Geschichte Pastor Friedbert Baur und ich im Gottesdienst der deutschen Gemeinde in Oslo theatralisch in Szene gesetzt haben. Bereits zweimal hat die Geschichte der armen Eselin und des geldgierigen Sehers, der am Ende doch das Richtige tut, Kirchenbesucher zum Lachen und Mitmachen animiert und hoffentlich auch ein bisschen zum Nachdenken. Für mich war es eine superhyperfantastischtolle Erfahrung!

Was ist mit Martin? fragt Ihr Euch vielleicht, meine treuen Leser. Da schreibt sie an ihrem Hochzeitstag 800 Wörter über fremde Männer und kaum ein Wort über ihren eigenen.

Mach ich auch nicht.

Das geht Euch nämlich gar nichts an, jawoll! *lach*

Ein ungewöhnlicher Blog ist es heute geworden, der irgendwie ein Eigenleben entwickelt hat. Heute habt Ihr nicht viel über Norwegen erfahren. Da Liebe und Kennenlernen ein zentrales Thema waren, beende ich den Blog mit einigen norwegischen Redewendungen, die immer zu Herzen gehen:

Jeg elsker deg! – Ich liebe dich.

Du har øyne som stjerner! – Du hast Augen wie Sterne.

Und wer sich gar nicht beherrschen kann:

Lille bamsen – Bärchen

Sussebass – Schnuckibär

Ob die Norweger diese Begriffe gern und häufig benutzen kann ich noch nicht sagen. Ich werde morgen mal die Ohren offen halten, wenn wir im Norwegischen Freilichtmuseum die verspätete Sommersonnenwende, das St. Hans-Fest, feiern. Davon nächste Woche mehr!

Meine lieben in 7er-Gruppen versammelten Leser, ich wünsche Euch allen ein sonniges, fröhliches, ruhiges und schönes Wochenende. Verliert nie den Mut, lasst neue Begegnungen zu und sagt mal wieder „Ich liebe dich!“, egal in welcher Sprache!

Ha det bra,

Ulrike

Von Promis, Einweggrillen und der besten Zeit, die Müllabfuhr zu treffen

Hallo und Willkommen meine lieben Leser! Heute erscheint der Blog mal am Donnerstag…Surprise!! Zusätzlich erscheint er am Freitag, dann mit Liveberichterstattung von der größten Regatta Norwegens, der Færer Regatta, die aus über 1000 Segelbooten besteht.

Heute dreht sich alles um das Leben in der Großstadt und Promis, denn Oslo ist hip…anscheinend. Für Osloaner gilt diesen Sommer: Zückt Eure Autogrammkarten, putzt die Objektive oder verlasst die Stadt!

Wie ich reagiere?

Nun ja,….

Es hat ja bekanntlich immer alles zwei Seiten. Der Stau, in dem man endlich Zeit findet, in Ruhe mit der besten Freundin zu telefonieren. Der nervige Nachbar, der ohne zu zögern beim Umzug mit anpackt. Der witzige Kinobesuch, der durch Popcorn-schmatzende Nachbarn zum Alptraum wird. Hier in Oslo habe ich in den letzten Wochen auch einige, zweiseitige, Erfahrungen gemacht.

Nummer 1: Wohnen in der Nähe einer Sehenswürdigkeit.

Wie ich bestimmt schon erwähnt habe, wohnen wir im Stadtteil Majorstuen, direkt am Frognerpark. Super Lage, alles prima, alles grün, wir lieben es. Nun gibt es ein Problem: Der Frognerpark (oder Vigelandpark) ist DIE Sehenswürdigkeit der Stadt. Das hat mich im ersten Monat gar nicht groß gekümmert. Das Wetter war noch kühl, der Park relativ leer, problemlos konnten wir unsere Lieblingsecken durchwandern und die langsam erwachende Natur bewundern. Schön! So ein Park, fast für uns, wie ist das nett. Abends hieß es: „Wollen wir nochmal in den Park? Bisschen rumwandern?“

Seit Mai ist damit Schluss.

Ich weiß nicht, wo all diese Touristen, Schulklassen, Familien, Jogger, Hundebesitzer, Bettler, Hare-Krishna-Jünger, Kunsterzieher, Rugbymannschaften, Schauspieler, Waffelbäcker, Frisbeewerfer, Würstchengriller, Müllwerker, Kindergärten, Yogamattenträger, Portraitfotografen und Bikinischönheiten herkommen, aber sie sind da.

Der Park ist dicht.

NICHT FAIR!

WAS WOLLEN DIE DENN DA??

Ja, ja, ja, tolle Statuen, wichtiger norwegisches Künstler, schöne Parkanlage, einziger großer Stadtpark…JA JA JA!

Gut, dachte ich, dann brauche ich eben einen Zeitplan. Es muss doch eine gute Zeit geben, um in den Park zu gehen.

Hier meine Ergebnisse:

7.00: Verschlafene Jogger, gähnende Hundebesitzer, schnarchende Bettler. Fazit: Müde.

8.30: Die Müllabfuhr fährt ein. Die Grillmülleimer werden geleert. Ein schwarzer Nebel wabert darum über den Park. Fazit: Atemlos und dreckig.

10.00: Die ersten Reisebusse kommen. Vereinzelte Touristen, die amüsiert, irritiert oder, im Fall einer japanischen Schülerin beim Anblick einer Statue mit einem mächtigen Gemächt, schockiert, durch den Park wandern. Wenig Jogger. Fazit: Erträglich.

12.00: Die Touristen-Apokalypse gemischt mit dem Aufmarsch der Kindergärten. Von beiden Seiten wird der Park nun von fotowütigen Reisenden eingenommen. Der besseren Koordinierung halber in Gruppen eingeteilt, schieben die Massen durch den Park und kämpfen um die schönsten Ecken und Fotomotive. Die gewaltigen Reisebusse verstopfen die Haupteingänge und ein gebrülltes Sprachgewirr rauscht durch die Bäume. Zwischen die Touristenmassen schieben sich die rotgelben Kinderwägen mit ihren jungen Passagieren, die quengelnd und quäkend zur Park-Kakophonie beitragen. Fazit: HILFE! WEG HIER!

14.00: s. 12.00 nur ohne Kinder. Fazit: HILFE!

16.00: Immer noch Touristen, nun vermehrt unterstützt von Roma, die harmlose Ziehharmonikas quälen und dadurch Geld machen, dass Leute sagen: „Hier sind 50 Kroner. Hör auf zu spielen!“ Die Schule ist aus und der Park wird von lümmelnden Jugendlichen eingenommen und die Wiesen verwandeln sich in Frisbee-/Volleyball-/Fußballplätze. Fazit: NEIN, ICH GEH HIER NICHT WEG. DAS IST MEINE WIESE.

17.30: Zeit zum Abendessen. Raus mit den Einweggrills. Die gefährlichste Zeit im Park, ohne Atemgerät schwer zu überstehen. So müssen sich Touristen auf Mallorca am Ballermann fühlen. Choreographie des Parks: Handtuch, Grill, Handtuch, Grill, Handtuch, Grill. Fazit: *Hust*

22.00: Ruhe kehrt ein. (Wochentags) An den Mülleimern stapeln sich die ökologisch wertvollen Einweggrills. Die Romas igeln sich ein und verbringen eine weitere Nacht auf der Wiese. Die Fontäne beendet ihr Treiben und der Park kommt zur Ruhe. Fazit: Nee, NUN hab ich auch keine Lust mehr zum Spazierengehen.

Ach, meine lieben in 7er-Gruppen versammelten Leser, nehmt mich nicht Ernst: Es ist schon genial, am Park zu wohnen. Irgendwann wird’s ja auch wieder leerer sein.

Nummer 2: Promis in der Stadt

Wie jede Hauptstadt wird Oslo gern und häufig im Sommer von Hauptdarstellern der Yellowpress und tatsächlichen Prominenten besucht. In Paris oder Berlin wird davon zwar Notiz genommen, aber irgendwie verläuft es sich in solchen Millionenstädten auch wieder schnell.

Oslo hat 560.000 Einwohner.

Hier verläuft sich nichts.

Hier stockt alles.

Mir beispielsweise der Atem, als ich letzte Woche die Hauptnachrichten auf NRK 1 einschalte und mir ein nett lächelndes Mädchen entgegenblickt. Ihrem Akzent nach Kanadierin. Sie sitzt in einem Hotelraum und gibt ein Live-Interview, steht dann lachend auf, öffnet das Fenster und blickt nach draußen: „JUSTIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIN!“ brüllt es aus Hunderten von Mädchenkehlen, deren Besitzerinnen sich auf der Straße versammelt haben. Justin Bieber ist in der Stadt. Keiner weiß genau warum, keiner weiß genau wo, es gibt Gerüchte um ein Konzert auf dem Dach der Oper, die Presse goes crazy, die Mädchen erst recht, im Endeffekt 40 Verletzte bei chaotischen Bedingungen vor der Oper.  Dass Hillary Clinton zeitgleich den amerikanischen Botschafter besucht hat, erfuhr ich am nächsten Tag über facebook.

Justin Bieber ist der Pionier der diesjährigen Promi-Riege, die sich in der norwegischen Hauptstadt ein Stelldichein gibt. Kiss und Rihanna singen am Holmenkollen, obwohl ich es unterhaltsamer fände sie würden springen statt singen. Bryan Ferry, Kaizers Orchestra und Sting treffen sich zum Bahnenziehen im Frognerbad, was genial weil gleich bei uns gegenüber ist. Auch George Clooney hat seine Liebe zu Norwegen entdeckt und überrascht die norwegischen Fernsehzuschauer im DNB-Bankcommercial.

WOW, oder? Dabei wussten die meisten von denen bestimmt nicht einmal, wo Oslo genau liegt. Ist ja auch nicht so einfach. Und man hat so viel Wichtigeres zu tun als Promi. Fazit: Zieh dich warm an, Berlin, Oslo zieht hinterher und wird bald einen regelmäßigen Platz in der Yellowpress bekommen. Dann wird die Stadt vielleicht auch etwas cooler mit kreischenden Mädchen, halbseidenen Stars und dem Niveau der 20h-Nachrichten umgehen. Ich bin gespannt.

So, meine lieben Leser, für morgen heißt es: Backbord voraus, Land in Sicht, Leinen los und Anker frei. Ich freu mich und hoffe, dass das Wetter mitspielt.

Bis dahin wünsche ich Euch einen tollen Nachmittag, betrachtet immer alles von zwei Seiten, findet die beste Tageszeit und zieht Euch warm an!

Ha det bra,

Ulrike

Vor dem Nationalmuseum

Von moderner Kunst, Zitronenpressen und einem ganzen Haufen Niveau

Ich bin das Opfer einer ganz besonders gemeinen, hinterhältig agierenden und in der Gesellschaft noch nicht genügend bekannten Erscheinung geworden.

Der Museumsschatten hat mich erwischt.

Eiskalt.

Am Dienstagmorgen beschloss ich, mein Versprechen einzulösen und endlich mal mehr Niveau in diesen Blog zu bringen. Nach stundenlangem Durchwälzen diverser Touristenbroschüren entschied ich mich, das Niveau im Astrup Fearnley Museum für moderne Kunst zu suchen. Ich machte mich auf den Weg.

„Ohhhhhh!“ höre ich euch beeindruckt raunen.

Das Museum ist geschlossen. Bis Herbst 2012.

Toll, dachte ich, während ich den untreuen Stadtführer Oslo in die nächste Abfalltonne pfefferte und mich ratlos umsah. Und nun? Mein neuer Wohnort ließ mich nicht im Stich und schon an der nächsten Ecke fand ich ein anderes Gebäude, das meinen und den Niveau-Wünschen meiner lieben sieben Leser entsprach: Das Museet for Samtidskunst. Nicht um die Kunst der Samen, der norwegischen Urbevölkerung, ginge es hier aber, wurde ich von der freundlichen Kassiererin aufgeklärt. In diesem Kulturtempel gehe es um zeitgenössische Kunst.

BRING IT ON!

Ich liiiiebe zeitgenössische Kunst!

Selten so gut gelacht wie auf der Documenta in Kassel oder im Centre Pompidou in Paris. Bitte nicht falsch verstehen, meine lieben Leser: Ich respektiere die Arbeit eines jeden Künstlers aber manchmal…manchmal….manchmal da schmeiße ich mich brüllend vor Lachen auf den Boden. Ja, Banause, Banause, aber ich empfinde einfach größtes Vergnügen bei Menschen, die vor einer rein blauen Leinwand stehen und sagen: „Dieses Gefühl von Unendlichkeit spricht mich unendlich an.“

Köstlich.

An manchen modernen Kunstwerken begeistert mich die Idee, die Machweise, die Frechheit, das Neue, das Humorvolle und im Großen und Ganzen verbinde ich ein positives Gefühl mit einem Besuch im Museum für moderne Kunst.

Das sollte sich ändern.

Niveauvoll stieg ich die ausladene Treppe des alten Bankgebäudes in die erste Etage empor und betrat die Ausstellung „Prism.“ Um Zeichnungen ginge es, so der Katalog. „Prism“ untersuche zeitgenössische Zeichnungen als ein autonomes und wachsendes Feld im Kunstbetrieb.

Mein erster Blick fiel auf ein Naziflugzeug.

Mein zweiter Blick auf eine am Boden kriechende US-Soldatenpuppe.

Mein dritter, schon etwas panischer, Blick auf eine sechsarmige Figur mit riesigem Penis, die  vom Künstler „Vision der Freiheit“ betitelt wurde.

Das wird ein kurzer Besuch. Drei Bilder, immer noch nicht gelacht.

Vorbei an der „Vision der Freiheit“ schlenderte ich also und blickte suchend um mich, als eine in der Ecke hängende Zeichnung mein Interesse weckte. Komischer Platz für ein Ausstellungsstück. Ich näherte mich der graublauen Zeichnung und stockte.

Auf einem umgestürzten Eimer in der Nähe eines Bauernhauses saß eine Frau mit hochgezogenen Röcken und quetschte sich ihre Vagina aus.

Mir fiel nichts mehr ein und ich verharrte ratlos vor dem….Kunstwerk.

„Wonderful, isn’t it?“ ertönte es plötzlich neben mir. Versunken in den Anblick der Frau und ihrer Tätigkeit und eindeutig nicht in der Lage die Quetschtätigkeit in irgendeiner Form mit dem Begriff „wonderful“ in Verbindung zu setzen, blieb ich stumm.

Ich werde nie wieder eine Zitrone auspressen können, dachte ich gerade.

„It is beautiful, eh?“ ertönte es erneut neben mir.

Oder Orangen. Dabei liebe ich frischen Orangensaft.

„Eh?“

Entnervt blickte ich mich um und sah mich Auge in Auge mit einem jungen Mann, dessen schwarze Haare wirr über seiner viel zu hohen Stirn wirbelten und sich im Kampf mit einem grauen Hut befanden, der keck und schräg auf der schwarze Masse hockten. Strahlend blickte er von mir zur Vaginafrau und wiederholte: „Wonderful, right?“

Nein, wollte ich schreien, du blinde Ausgeburt eines angeblichen Kunstverständigen, das ist absolut nicht wundervoll, das ist abstoßend und widerlich und ich will weder dieses noch irgendein anderes Bild dieses Künstlers jemals angucken und am allerwenigsten will ich mit dir darüber diskutieren, wie wundervoll eine offenbar geschändete Frau ist oder nicht!!!!

„Uh-hu.“ Ich nickte und beschloss zu gehen. Idiot. Bloss weg hier.

„There is another wonderful drawing I wanna show you.“, erklang die Stimme wieder neben mir und eine Hand legte sich vertraulich an meinen Ellenbogen. Wie, er will mir etwas zeigen? Ich bemühte mich eine Verbindung zwischen unserer bisherigen Unterhaltung und seiner, eine gewisse Zutraulichkeit ausstrahlenden, Geste zu finden.

Vergeblich. Es blieb nur eine Möglichkeit.

Er.

Ist.

Ein.

Museumsschatten!!

HIIIIIILFFFE!!!

Ähnlich wie Kurschatten suchen sich Museumsschatten in meist leeren Museen ihre Opfer und zwingen sie in dem begrenzten Raum eine Verbindung einzugehen.

ICH WILL NICHT!

Wohin? Wohin? Wohin flüchte ich?

Nach rechts in den Ausstellungsraum der willkürlich gestapelten Papierhaufen unter Stühlen? Nach links zum am Boden kriechenden US-Soldaten? Nach vorne, in die Arme der gelangweilt aussehenden Wachmänner, die meine verzweifelten Blinkerversuche anscheinend als schnöde Anmache bewerteten und sich kopfschüttelnd abwendeten.

WOHIN?

Mein neuer Bekannter steuerte mich mittlerweile entschlossen in einen entfernt liegenden Ausstellungsraum, während er gleichzeitig einen Schwall kunstwissenschaftlichen Blablas von sich gab, der mich weder interessierte noch ganz erreichte. Schließlich war ich dabei meine Flucht zu planen. Zur Toilette würde er mich nicht doch wohl nicht begleiten, dachte ich gerade, als mein unfreiwilliger Begleiter stoppte und mit der strahlenden Sicherheit eines stolzen Vaters die Arme ausbreitete.

„Look at THAT!“

Ohja. Unglaublich. Anscheinend ist die Putzfrau im Streik, dachte ich und blickte auf die schmutzbespritzen Wände. Ist ja auch eine Unverschämtheit hier so eine Sauerei zu veranstalten und dann….Komisches Schild an der Wand.

„Isn’t that amazing?“ Mein stolzgeschwellter Museumsschatten blickte mich beifallheischend an.

„EARTH 2012“ las ich. Hergestellt aus Schlamm des Flusses Avon.

Ich nickte zustimmend und benötigte meine ganze Energie um das aufsteigende Lachen niederzudrücken.

Banause, ich.

Gerade strich mein Schatten zärtlich die Konturen des Schlammwerks und ich war glücklich, dass wenigstens einer von uns beiden Spaß hatte. Im günstigen Moment trat ich den Rückzug an, galoppierte die Treppen des Museums herunter, blickte mich immer wieder um und rettete mich schließlich nach draußen. FREIHEIT!

Was für ein schönes Gefühl.

Schade, dass ich wohl nie wieder in dieses Museum gehen werde. Mein Schatten wohnt dort bestimmt. Seit Jahrhunderten wahrscheinlich, immer auf der Suche nach neuen Opfern. Und heute kam ich auf die Liste seiner Errungenschaften. Trotzallem habe ich bekommen, was ich wollte: Niveau, Niveau, Niveau.

Irgendwie jedenfalls.

Der Versuch zählt!

Mit diesem Riesenschuss Niveau lasse ich Euch nun allein, meine lieben Leser und freue mich schon auf nächste Woche, wenn ich von öffentlichen Geburtstagsständchen, schlafstörender Helligkeit und Justin Bieber erzählen werde.

Habt bis dahin eine sonnige, niveauvolle Woche, lasst Euch nicht beschatten und genießt das Gefühl von Freiheit!

Ha det bra,

Ulrike

WARNUNG: Dieser Artikel enthält Spuren von Grand-Prix-Begeisterung!

NORWEGEN IST IM FINALE DES GRAND PRIX EUROVISION 2012!!!

JAAAAAAAAA!!!

JAAAAAAAAA!!!

Doofer Song.

Früher, ja früher, da gab es noch wahre Eurovision-Songs. Da gewann Norwegen 1985 beispielsweise mit einem der besten Grand-Prix-Songs ever. Erinnert Ihr Euch? Bobbysocks? Los, alle zusammen: „La det swinge, la det rock’n roll! La det swinge til du mister all kontroll! Oh hi oh…La det swinge, la det rock’n roll!“ Da wippten die Füße, da kreisten die Salzstangen, da lag sich Europa singend in den Armen.

Romantisch-verklärt kam Norwegen 1995, dem Jahr 1 nach Riverdance, daher: Nocturne schleifte selbst die tanzwütigsten Grand-Prix-Fans mit Geige und Enya-Gesang in die Feenabgründe Norwegens. Sieg!

Und da das mit der Geige so prima geklappt hatte, stellte das Land 2009 den Schwarm aller Schwiegermütter und Teenagermädchen Alexander Rybak mitsamt seiner Geige auf die Bühne. Der geborene Weißrusse siegte in Moskau mit der höchsten jemals erreichten Punktzahl und sein „Fairytale“ stand in Norwegen 22 Wochen auf Platz 1 der Charts.

Nun also Tooji und „Stay“. Klingt ein bisschen nach türkischer Disko und könnte ebenso gut aus Schweden, Malta oder Slowenien kommen. Gääähn. Interessanter die Frage, warum der Typ dauernd eine Kapuze trägt: Religiöse Gründe? Ist ihm kalt? Hat er Schuppen? Oder hat ihm irgendwer erzählt, das sähe cool aus?

Tut es nicht. Ist albern.

Die gleiche Frage stellt sich beim deutschen Mann für Oslo, Roman Lob. Was ist los mit der Strickmütze? Trägt er die am Samstag auch? Nicht, dass unser Mann zusammenklappt auf der Bühne wegen Überhitzung. Viel wichtiger aber die Frage: Drücke ich nun ihm oder Tooji die Daumen? Aufgrund unserer ständigen Umzieherei könnte ich mich sogar mit vier Ländern verbunden fühlen. Super Idee! Ich freue mich also über einen Sieg Frankreichs, jubele mit dem 75jährigen Engelbert Humperdinck für Großbritannien, klatsche patriotisch für Roman „Strickmütze“ Lob und wünsche Tooji, dem Multikulti-Botschafter Norwegens, viel Glück.

Toll, auf diese Art und Weise muss ich mich wenigstens nicht entscheiden.

Bei meinem Talent, den Sieger des Grand-Prix vorherzusagen, landen die vier höchstwahrscheinlich auf den letzten Plätzen. Lordi hatte ich beispielsweise mit höhnischem Gelächter abgetan und Lena völlig abgeschrieben.

Tut mir wirklich leid.

„Meine Güte, wen interessiert das?“ höre ich einige Leser entnervt rufen.

„MIHICH!“ rufe ich zurück.  Das ist MEIN Blog, da darf ich nämlich schreiben was ich will und schließlich will ich norwegische Kultur kennenlernen und Tooji und der Grand Prix gehören nun mal gerade dazu. So! *smiley*

Vielleicht schalte ich aber auch nach der Hälfte der Übertragung aus, weil mich diese völlig nervigen Moderatorinnen in den Wahnsinn treiben. Das ist ja das Nette, wenn man zuhause guckt: Umschalten ist immer möglich. Letztes Jahr gab es eine höchst spaßige Facebook-Livediskussion, die in der Gründung einer „Peter Urban rockt“-Gruppe endete.  Wer darauf dieses Jahr auch Lust hat…ich werde online sein.

“Die ganze Veranstaltung muss boykottiert werden!” höre ich. Stimmt, müsste man eigentlich. So wie die EM. Oder damals die Olympischen Spiele in Peking. McDonalds. H&M. Sucht sich mal jeder was raus, bitte. Ich boykottiere die EM zum Beispiel.

Grand Prix geht nicht. Sorry. Das ist wirklich zu unterhaltsam.

Seid Ihr noch da? Oder habe ich Euch schon vergrault?

Nächste Woche, meine lieben in 7er-Gruppen positionierten Leser, werde ich von meinem Besuch in der Nationalgalerie berichten und damit mal endlich etwas Niveau in diesen Blog bringen. Das ist doch eine Aussicht, oder?

„Das wird aber auch Zeit!“ schallt es mir entgegen.

Pffff, lest doch die ZEIT, wenn Ihr Euch hier langweilt. So.

Jetzt freue ich mich erst mal auf ein langes Wochenende mit Musik und Tennis, weiterhin strahlendem Sonnenschein und leckerem Essen.

Euch allen wünsche ich schöne Pfingsten, immer einen guten Ohrwurm und ganz viel Sonne. Go, Roman, go!!

Ha det bra,

Ulrike

P.S.: Ich warte gespannt auf Kommentare zum Thema Grand Prix!