10 Dinge, die Auswanderer erleben ODER Es ändern sich nicht nur die Orte….

In-der-Fremde

heise.de

Letzte Woche hatten wir gerade wieder eines dieser Gespräche: „Meinst du, wir bleiben in Norwegen?“ – „Naja, es gefällt uns doch ganz gut.“ –„Ja, stimmt.“ – „Obwohl….“ – „Ja?“ – „England ist ja auch toll…“ – „Hm. Oder Irland.“ – „Australien!“ – „USA!“. Es ist nämlich so: Fängt man einmal an, in der Weltgeschichte herumzureisen, kann man nicht mehr damit aufhören. Und das ist nur eines der Dinge, die passieren, wenn man im Ausland lebt.

Hallo, meine lieben Leser, wie schön, dass wir uns hier wieder treffen. Seit 11 Jahren bin ich mittlerweile im Ausland und vieles im Denken und Tun hat sich in dieser Zeit verändert. Manches davon hatte ich erwartet, anderes hat mich überrascht. Heute also ein Versuch: Ich will die Dinge auflisten, die sich nach dem Umzug ins Ausland verändert haben. Für mich. Aber manche erkennen sich vielleicht wieder. Und da ich ein ehrlicher Mensch bin, bleibt auch nichts unerwähnt. „Brav!“, lobt mich mein Gewissen. Og nun, without further ado, voilà:

  1. Über den eigenen Schatten springen…

Es erfordert ein gewisses Selbstbewusstsein, immer neue Leute kennenzulernen. Oder das erste Mal die neue Sprache zu sprechen. In eine bestehende Gruppe „einzubrechen“. Sich mittags mit Kollegen an den Tisch zu setzen, obwohl sie dann automatisch die Sprache wechseln und man sich anfangs so doof vorkommt. Auch mal nachzufragen, wenn man sich unsicher ist. Das ist nicht immer einfach und auch wenn es Leute gibt, denen das nichts ausmacht – ich fand es sehr schwierig zu Beginn. Hatte ich mich aber überwunden und war über meinen Schatten gesprungen, fühlte ich mich stolz wie Bolle.

  1. Das Bekannte suchen…

In meiner Heimatstadt haben wir gerne die (falsch benannten) „Ausländerghettos“ kritisiert. „So integrieren die sich NIE!“ – „Immer für sich bleiben, was wollen sie dann überhaupt im Ausland?“ – Blablabla. Und da ist auch was dran. Ich wetze hier also nicht das Schwert zur Verteidigung von Ausländerzusammenrottungen. Aber ich verstehe sie jetzt besser. Ich kann noch so viele norwegische, kanadische oder franzözische Freunde haben, niemand ist mir in der Seele näher als eine andere Deutsche/ein anderer Deutscher. Sage ich „Herr Müller-Lüdenscheid!“ antwortet mir die Landsfrau: „Herr Dr. Klöbner!“ und wir enden im Chor: „Wenn Sie die Ente hereinlassen, lasse ich das Wasser heraus!“ Kollektive Kulturerinnerungen verbinden.

  1. Sich neu erfinden…

An einem fremden Ort kann man von vorne anfangen. Vielleicht nicht im Beruf, denn viele kommen ja aufgrund einer neuen Arbeitsstelle ins Ausland. Aber den Rest kann man eigentlich neu erfinden. Gerade für mich als „Mitreisende“ war und ist das immer eine Herausforderung. Aber auch eine wunderbare Chance.  Neue Länder bieten neue Möglichkeiten und geben neue Ideen. Dieser Blog entstand erst hier in Norwegen, dabei hätte ich ihn auch schon in Frankreich schreiben können. Aber da kam mir die Idee irgendwie nicht.

  1. Nostalgie

Distanz schafft manchmal verzerrte Bilder und Heimweh kann dazu führen, dass „in der Heimat doch alles besser war.“ Plötzlich vermisst man die Dinge, die früher selbstverständlich waren. Da wird ein „Hanuta“ im Café Liebling in Oslo wie ein lang verlorener Freund begrüßt, so groß ist die Freude, ein Stück Heimat zu sehen. Kehrt man aber zurück an den Heimatort, rückt sich das Bild zurecht.

  1. Überheblichkeit

„Toll, wo du schon überall gelebt hast!“ – „Wow, wie du das schaffst!“ – manchmal zollt man diesen Worten zu viel Aufmerksamkeit, zieht sie sich an wie ein paillettengeschmücktes Abendkleid und fühlt sich wie die Königin von Saba.  Mit kopfschüttelndem Bedauern blickt man auf die, die in der Heimat geblieben sind. Das ist eine ganz, ganz, ganz böse Seite der Weltbummlerei (und meines Charakters) und wird daher wie ein gefährliches Tier an der kurzen Kette gehalten. Raus darf die Bestie nur in Extremfällen. Denn seien wir mal ehrlich: Weggehen kann jeder, der Mut liegt im Bleiben.

  1. Nicht hier, nicht dort….

Egal, wie lange ich noch in Norwegen bleiben werde, ich werde immer die Ausländerin mit dem Akzent sein. Das kann anstrengend sein und weh tun. Komme ich dann zu Besuch nach Deutschland, wird es nicht besser: Hier gehöre ich auch nicht mehr hin. Auch wenn wir vermisst werden, geht das Leben in Deutschland seit 11 Jahren doch prima ohne uns weiter. Man hängt in der Luft. Ich gebe meinen Status gern als Europäerin an, andere sagen sie sind Weltbürger. Das hilft :).

  1. Sprachenwirrwarr

Ich, I, jeg, moi…vier Sprachen kämpfen um Aufmerksamkeit in meinem Kopf und führen zu Verwirrung. Deutsch und Englisch sind stark, Französisch und Norwegisch kämpfen um Platz 3. Für jedes neue norwegische Wort scheint ein französisches zu verschwinden. Ich bin schon zum Flohmarkt der französischen Schule gegangen, um mal wieder die Sprache der Grande Nation reden zu können und zu hören. Jede Sprache trägt mit sich so viele Erinnerungen und Bilder von verschiedenen Orten – ein bunter, mehrsprachiger Zirkus, der manchmal ausbricht. Ich mag die kurze Witzigkeit des Englischen, den Charme des Französischen, die geordnete Gedankenwelt und Sicherheit im Deutschen und die abenteuerliche Neuheit des Norwegischen.

  1. Überall Konten, Renten, Freunde

Mittlerweile besitzen wir Konten in Kanada, Schottland, Frankreich, Deutschland und Norwegen. (Nein, keines in der Schweiz.) Wir haben in allen diesen Ländern Rentenansprüche und –gelder gesammelt und das Beantragen von Rente wird wahrscheinlich einen Jahresurlaub in Anspruch nehmen. Außerdem haben wir aber auch Freunde und Bekannte in den vier Ländern, sogar noch in mehr als vier, denn manche unserer Freunde haben auch wieder das Land gewechselt. Das ist spannend. Leider sind sie (genauso wie unsere Familien) aber dadurch auch so weit weg und man sieht sich nicht (oder nicht oft). Das ist weniger spannend. Um den Kontakt nicht zu verlieren, sind unter anderem soziale Medien ideal und ich stimme ein erneutes „Hurra!“ auf Facebook an: „HURRAH!“

  1. Heute hier, morgen dort…

Immer neue Orte kennenzulernen, nicht nur im Urlaub, sondern dort richtig zu leben, finde ich klasse. So sehr ich meine Freunde, meine Aktivitäten und viele Plätze hier in Oslo gerade schätze, so sehr reizt es mich eben auch, wieder irgendwo neu anzufangen. Ein neues Land zu erforschen mit allen seinen Vor- und Nachteilen ist ein großer Luxus und Spaß. Und man wird besser, je häufiger man es tut. Allerdings freue ich mich auch auf den Moment, wo ich plötzlich an einem Ort stehe (gern auch sitze) und weiß: „Hier will ich bleiben.“

  1. Zuhause

„Aber willst du nicht seßhaft werden? Ein Zuhause aufbauen?“ Im Ausland zu leben, bedeutet auch häufig, in der Luft zu schweben. Nicht ganz da zu sein, nicht ganz dazugehören. Ein Zuhause habe ich aber nie vermisst, denn das ist dort, wo Martin ist. Und seit August: Wo Martin und Gesa sind.  Egal, wo uns der Weg noch hinführt, mein Zuhause ist immer dabei. *** So, meine lieben Leser, das war es schon für heute. Eine kleine, ganz persönliche Analyse, die in vielen Punkten bestimmt von der Geschichte anderer Auswanderer abweicht. In manchen aber auch zutreffen kann. Schildert doch Eure Erfahrungen – und für alle, die nicht auswandern wollen: Was würde Euch abhalten? Ich bin gespannt und freue mich auf Eure Kommentare. Uns allen wünsche ich eine tolle, lustige, leckere und sonnige Woche. Habt Spaß, wo immer auf der Welt Ihr auch seid. Ha det bra, 20150213_125213 Ulrike

Falkenjagd in Oslo ODER Warum habe ich in Bio nie aufgepasst?

@MarionEhrlich

@MarionEhrlich

Biologie war nie eines meiner stärksten Fächer. Zellaufbau oder gekreuzte Erbsensorten haben mich eher zum Gähnen gebracht und während der Jahre auf dem Fachgymnasium stand Bio nicht mal mehr auf dem Lehrplan. Hätte es aber. Statt mir erfolglos chemische Formeln einzuhämmern, hätte lieber das Verhalten von Zugvögeln auf dem Lehrplan stehen sollen.

Dann hätte ich heute bei -10° nicht Ausschau nach Wanderfalken gehalten.

Hallo, meine lieben Leser, schön, dass wir uns hier wieder treffen. Die Temperaturen in Oslo sinken weiter und lange Spaziergänge mit Gesa fallen momentan aus. Aber den ganzen Tag drinnen hocken wollen wir auch nicht. Da kam vorgestern eine Nachricht der deutschen Krabbelgruppe wie gerufen: Im Literaturhaus fände Donnerstag ein offener Kindertreff statt. Ob wir Lust hätten mitzugehen? Das Literaturhaus ist zu Fuß nicht mehr als 15 Minuten entfernt, eine gute Spazierzeit bei diesen frostigen Temperaturen.

Am Donnerstag morgen blieb Gesa noch genug Zeit zum Spielen und auf den Bauch rollen und mir Zeit für einen Kaffee und Zeitung lesen, bevor wir los mussten. Auf Seite 10 von Aftenposten las ich, dass ein Wanderfalke das Osloer Rathaus bewohnt. Harald Nissen von den Grünen hat nun beantragt, den Westturm des Rathauses als Nistplatz für den Falken zu sichern.

Aftenposten, 5.2.15

Aftenposten, 5.2.15

Interessant, dachte ich und blätterte weiter.

Bald machten Gesa und ich uns auf den Weg, beide dick eingemummelt. Ich jubelte mal wieder über die Heizkabel unter den eisfreien Bürgersteigen des Bogstadveien. Obwohl es gar nicht ihre Schlafzeit war, schlummerte Gesa mir auf der halben Strecke ein. Na toll! Sollte ich sie einfach die 30 Minuten schlafen lassen und DANN ins Literaturhaus gehen? Sollte ich gleich zum Literaturhaus fahren und sie dann eben aufwecken und mit einem knörigen Baby leben müssen? Fragen über Fragen. (Über die erfahrene Eltern wahrscheinlich die Augen rollen….)

Aber das Schicksal nahm mir die Entscheidung ab. Kurz vor dem Literaturhaus wurde ich auf Deutsch angesprochen: „Bist du Ulrike?“ Mein Blick war bestimmt mal wieder sehr intelligent. Immerhin brachte ich ein Nicken zustande. Stellte sich heraus, die beiden Frauen mit Kinderwagen gehörten zur Krabbelgruppe und kehrten gerade aus dem Literaturhaus zurück, das an diesem Donnerstag nur Programm für ältere Kinder anbot.

20150205_101650

Prima, konnte Gesa also weiter schlafen. Und jetzt kam auch noch die Sonne raus! Was für ein Bilderbuch-Wintertag. Statt zurück nach Hause, schob ich ab in den Schlosspark. Gesa war dick eingepackt, es wehte kein Wind – ich entschied, noch länger draußen zu bleiben. Hm. Aber wohin könnten wir gehen?

Da fiel mir der Artikel über den Wanderfalken ein.

Und mein Gehirn fiel anscheinend aus.

Denn bei glitzernden Minusgraden beschloss ich, ihn zu besuchen.

Japp.

Ich gebe Euch jetzt ausreichend Zeit für brüllendes Gelächter.

—

—

—

Genug ? Ansonsten bitte wiederholen.

„Wanderfalke, wir kommen!“ Wir schoben also durch den glitzernden Schlosspark Richtung Aker Brygge, die Promenade in Oslo, an dessen rechter Seite das Rathaus steht. Doch, welch Überraschung, kein Falke war zu sehen.

Und dann wurde ich skeptisch. MIR war schon kalt, wie kalt musste es da so einem gefiederten Tier gehen. Allerdings schossen gutgelaunte Möwen schreiend um mich herum.

Hm.

Ich suchte weiter. Aber irgendwann war mir kalt und so schoben Gesa und ich zu unserem nächsten Termin.

Später im Espressohaus bestätigte Freund Christian mit einem kurzen „Wanderfalken – im Winter????“ meine Zweifel. Naja, immerhin hatten Gesa und ich einen netten Spaziergang bei bestem Winterwetter. Und dem Falken schicken wir Grüße nach Spanien oder Portugal, denn laut dem Großen Norwegischen Lexikon „ziehen norwegische Wanderfalken ins südwestliche Europa.“

Ja, logisch. Sollen die etwa im Winter hier im frostigen Oslo bleiben? Wer glaubt denn sowas? 😉

***

Das war es für heute, meine lieben Leser. Warten wir ab, ob die Falken bald offiziell im Westturm wohnen dürfen und wir sie dabei beobachten können. Wer jetzt schon Vögel beobachten möchte, wird hier vielleicht fündig.  Ich werde mir jetzt mal ein „Biologie für Anfänger“- Buch besorgen oder mich mit einem ornithologisch begabten Menschen unterhalten. Euch allen wünsche ich ein tolles Wochenende und eine schöne Woche, in der Ihr auch mal über Euch selbst lachen könnt. Wir freuen uns hier auf den Besuch meiner Mutter nächste Woche und hoffentlich ein paar Sonnentage.

Ha det,

20150205_103235

(Das falkenlose Osloer Rathaus)

Ulrike

Praktische Tipps für den Winter in Oslo – Teil 1 ODER Walk like a penguin!

achimkirchmeier.de

achimkirchmeier.de

Der eine will stark sein wie ein Bär. Die andere gern listig wie ein Fuchs. Mancher wünscht sich Adleraugen. Mir sind Bär, Fuchs und Adler gerade völlig schnurz. Ich möchte ein Pinguin sein.

Hallo, meine lieben Leser, wie schön, dass wir uns hier wieder treffen. Der Winter hat Oslo voll im Griff, aber es ist ein launischer Winter, den wir bisher erleben: Schneefall, Tauen, Schneefall, Tauen, Schneefall, RICHTIG KALT, Tauen….so geht das bereits seit ein paar Wochen. Ist ja nicht schlimm.

Wenn man plant, bis Mai im Haus zu bleiben.

Das will ich nicht und darum ärgere ich mich jeden Tag über das größte Winterproblem in Oslo: Eis. Kaum ein Bürgersteig, der nicht mit einer dicken Eisschicht überzogen ist. Obwohl die städtischen Streufahrzeuge unermüdlich im Einsatz sind, rutschen wir Osloaner täglich von A nach B. Die kleinen schwarzen Kiesel, mit der die Kommune versucht, dem Eis Herr zu werden, sind vor allem eines: Echt niedlich. Aber fast komplett wirkungslos. Warum nicht alle Hausbesitzer und Geschäftsleute verpflichtet sind, den Bürgersteig vor ihrem Haus/Geschäft eisfrei zu halten ist eine Frage, die mir hier niemand beantworten will. Ich vermute, dass sich einfach alle ans Rutschen und Fallen gewöhnt haben.

ICH MICH ABER NICHT!

Mir fehlt das norwegische Gleichgewicht-halten-oder-Lachen-trotz-Fallen-Gen und deshalb tue ich, was die meisten Nicht-Norweger auf Eis tun werden: Ich rutsche. Ich falle. Ich drehe Pirouetten, die mir beim Eiskunstlauf Punktabzug einbrächten. Und – ich fluche. Auf Englisch. Warum, das weiß ich selber nicht so genau, aber ein gut platziertes „F..k!“ schlägt ein deutsches „S…..e“ um Längen. Probiert es aus!

Nach zwei Wintern Fluchen und Rutschen suchte ich im Winter 2014 endlich nach Hilfsmitteln. Die erste Waffe gegen rutschigen Untergrund: Brodder. Das klingt doch gut, fand ich. Irgendwie stabil, sicher und verlässlich. Im Deutschen werden daraus neudeutsch Spikes, also kleine Spitzen, die unter den Schuhsohlen für Halt im Eis sorgen. Brodder gibt es in vielen Formen, meine sind aus elastischem Material und werden einfach über die Schuhsohle gezogen. Das Problem: Ich vergesse sie ständig mitzunehmen. Meistens geht das so: Nach zwei Gängen aus dem dritten Stock sind Baby, Wickeltasche, Windelmülltüte, Arbeitstasche, Handtasche und ich endlich alle zusammen am Kinderwagen – bereit loszugehen. Und dann: „Mist, die brodder sind noch oben! – Och nöööööö! – Wird schon nicht soo glatt sein!“

Also schieben wir los.

NaTÜRlich ist es glatt.

Wusste ich vorher.

NaTÜRlich nehme ich mir vor, die brodder beim nächsten Mal UNBEDINGT mitzunehmen. Am besten lege ich sie nach der Rückkehr SOFORT in den Kinderwagen. Jawoll, so mache ich das!

Klar. Klappt super.

Außerdem sind brodder uncool, habe ich gelernt. Die würden doch nur alte Leute überziehen, lachen mich gleichaltrige Freunde aus. Das geht doch auch ohne. Stell dich nicht so an!

Aber wie soll es denn ohne gehen, frage ich mich beim Rutschen über den Bürgersteig? Gibt es etwa eine Anleitung zum „Gehen auf Eis“?

Nein, natürlich nicht. – Es gibt ZAHLREICHE Anleitungen. Ich stoße im Internet auf Artikel verschiedenster Webseiten. Von senioryears.com über zeit.de bis hin zur US-Universität von Illinios bekomme ich praktische Tipps geliefert:

„Geben Sie sich ausreichend Zeit, um an Ihr Ziel zu gelangen.“

„Gehen Sie langsam.“

„Strecken Sie Ihre Arme aus, um das Gleichgewicht zu behalten.“

„Blicken Sie nach unten beim Gehen.“

Hm. Ich neige dazu, die Hände in die Manteltaschen zu stecken, während ich, himmelwärtsblickend, über vereiste Wege galoppiere. Danke für die guten Tipps. Als ich noch vor mich hin meckere, lese ich den Satz: „Gehen Sie wie ein Pinguin.“

Wie bitte?

Um mir das Leben einfacher zu machen, fügt die Autorin von today.com die folgende Zeichnung hinzu:

Das leuchtet mir irgendwie ein: Pinguine können sich schließlich perfekt auf Eis fortbewegen. Im Internet finde ich Webseiten und Videos (Ich lache immer noch!) zum Pinguin-Stil und gebe hier gerne das In-sechs-Stufen-zum-Pinguin-Programm weiter, mit dem ich mich zur Zeit auf meinen ersten Auftritt vorbereite:

  1. Aufrecht und entspannt stehen.
  2. Arme eng an die Seiten pressen.
  3. Handflächen hochklappen, bis sie parallel zum Boden sind.
  4. Brust raus, Schultern zurück.
  5. Gleichgewicht auf das vordere Bein legen.
  6. Loswatscheln.

Normalerweise, so die Autorin von today.com, läge das Gleichgewichtszentrum in der Mitte unseres Körpers. Die Beine seien so gezwungen, das Körpergewicht in einem bestimmten Winkel zu unterstützen, der für eisige Böden nicht geeignet ist. Man fällt. Legt man das Gleichgewicht nun immer auf das vordere Bein, fällt man nicht. Ganz einfach!

Um die kommenden Spaziergänge hier in Oslo mit heilen Knochen zu überleben, möchte ich also ein Pinguin sein. Aber nur bis zum Frühling. Dann träume ich wieder vom Fliegen.

***

Das war es schon wieder für heute, meine lieben rutschfesten Leser! Ich wünsche uns allen eine schöne Woche. Habt Spaß, genießt jeden Tag und sagt den Menschen und Pinguinen in Eurem Leben, wie wichtig sie Euch sind. Man weiß nie, wie lange wir alle zusammen sein werden.

Ich watschele also ab jetzt pinguingleich über die Bürgersteige und hoffe nur, dass mich niemand dabei sieht! Falls doch habe ich aber einen Weg gefunden, von meinem Gang abzulenken.

Ha det bra,

20150116_142317

Ulrike

Slow TV im norwegischen Fernsehen Teil 2 ODER …und sie singen und singen und singen

Jon Olav Ørsal

Jon Olav Ørsal

Das letzte Wochenende im November war ungewöhnlich. Statt wie üblich länger zu schlafen, dann ein bisschen durch die Stadt/Natur/Welt zu bummeln und abends einen netten Film zu gucken, saß ich fast 36 Stunden lang vor dem Fernseher. Slow-TV hatte mich im Hypnosegriff!

Hallo meine lieben Leser, wie schön, dass wir uns hier wieder treffen. Am Donnerstag vor besagtem Wochenende erreichte mich eine SMS von Freundin Claudia, in der es ungefähr hieß: „NRK zeigt 36 Stunden Chorgesang. Das wär doch was für dich!“

Nun möchte ich an dieser Stelle mal allen Freunden des Blogs danken, die mich mit neuen Themen versorgen. Mal per email, mal per SMS, manches ergibt sich im Gespräch. Das finde ich super, macht weiter so!

Nun saß ich also mit Claudias SMS auf dem Sofa und dachte: NRK macht WAS???? Aber warum war ich erstaunt? Ein Fernsehsender, der bereits die 5-tägige Schiffsreise der Hurtigruten live verfolgt hatte, verantwortlich war für „Die norwegische Stricknacht“ und acht Stunden nichts weiter gezeigt hat als knisterndes Kaminfeuer – für den sind 36 Stunden Chorgesang ja fast eine Actionshow. Aber was soll denn 36 Stunden lang gesungen werden, fragte ich mich? Ich öffnete die Webseite des NRK und suchte nach den Programmankündigungen des Wochenendes. Ganz oben: Minutt for minutt – Salmeboka. Minutt for Minutt, also Minute für Minute, ist der Konzepttitel des norwegischen Slow-TVs und Salmeboka anscheinend das neueste Projekt. Salmeboka? Boka, also Buch. Aber was sind Salme? Etwa…Psalme? Heißt das etwa, dass….?

Jawoll.

NRK2 lässt in 36 Stunden das komplette Gesangbuch der norwegischen Kirche singen.

Alle 899 Lieder.

Das konnte ich mir natürlich nicht entgehen lassen.

In der Deutschen Gemeinde haben wir im Februar ein ähnlich ambitioniertes Projekt gestartet: Bibel24. Wir lesen 24 Stunden lang die Bibel, stoppen und lesen ein paar Monate später an der Stelle weiter  – so lange, bis wir die Bibel durch haben. Nach drei Marathonlesungen haben wir letzten Monat das Alte Testament beendet. Immer, wenn wir eine neue Bibel24-Lesung ankündigen, werden wir gefragt: Warum macht Ihr das? Ich wette, unsere Antwort und die des NRK Minutt for minutt Salmeboka – Teams sind identisch: Warum nicht?

Das nur als Anekdote am Rande. Zurück zum Chorgesang.

Am Freitag, 28.11. um 11.45 öffnete Kulturministerin (!!!) Thorhild Widvey die Pforten der Vår Frue Kirche im Zentrum von Trondheim – dem Hauptaustragungsort des Gesangsmarathons. Zwei schlichte Chorbühnen, Schienen für die fahrbare Kamera und ein paar Scheinwerfer waren im Inneren aufgebaut. Mehr brauchte es nicht. Die Technik hinter den Kulissen lernten wir Zuschauer erst später kennen.

Ich war der ganzen Show mehr als kritisch gegenüber eingestellt. Mal ehrlich….36 Stunden Singen? 36 Stunden Kirchenlieder? 899 Stück?

Aber dann begann der Organist die erste Note zu spielen, oben am Bildschirm erschien ein dreiteiliges Zahlenfeld, das langsam von „000“ auf „001“ drehte und es passierte etwas Unerwartetes: Ich fühlte mich als Teil des Projekts.

Das hört sich jetzt völlig gaga an und ich sehe direkt, wie Ihr vor dem Bildschirm mit den Augen rollt. Aber rollt nur, liebe Leser, es war, wie es war: Ich stand mit den 200 Chören, sechs Organisten, mehreren Solisten und Musikern, dem NRK-Team und allen anderen Beteiligten am Startblock und war bereit 36 Stunden lang durchzuhalten. Ich wollte sehen, wie aus der „000“ eine „899“ wurde. Das sollte so ungefähr am Sonntagabend um kurz vor Mitternacht passieren.

Her mit Popcorn, norwegischem Wörterbuch, Kerze und Decke und los geht es! Projekt Salmeboka lief.

Gleich zu Anfang hatten wir hier im Wohnzimmer gewisse Schwierigkeiten zu überwinden. Gesa, eigentlich ein großer Musikfan, begann bei den ersten Tönen von Herre Gud ditt dyre navn og ære herzzerreißend zu weinen. Ich war verwirrt: Hatte sie Hunger? Nein. Windel voll? Nein. Kuscheln wollte sie auch nicht. Nur weiter weinen. Ratlos drückte ich den Ton vom Fernseher weg – das Weinen stoppte. Probeweise stellte ich den Ton wieder an – Gesa weinte. Ich konnte mir die Abneigung gegen Herre Gud ditt dyre navn og ære zwar nicht erklären, ließ es aber stumm ausklingen. Auch das zweite Lied führte zu dicken Kullertränen. Nun tue ich ja viel für unser wunderbares Kind, aber ich wollte auch das Projekt Salmeboka miterleben, und zwar idealerweise mit Ton. Während der Mädchenchor des Nidarosdoms also Folkefrelsar til oss kom sang (ohne Ton), sang ich für Gesa Bæ, bæ lille lam (mit Ton). Das bringt sie immer zum Lachen und kurze Zeit später verfolgten wir beide den Gesangsmarathon tränenfrei und mit Ton. Ob sie nun das geringere Übel gewählt hat oder nicht, wer weiß das schon. Auf jeden Fall liefen keine Tränen mehr. (Und wer von Euch Lesern jetzt schon empört in die Tastatur tippen will: Gesa hat nicht VOR dem Fernseher gesessen. Sie war einfach im selben Raum und hat zugehört.)

Während Lied 009 rief Martin an und fragte nach ein paar Augenblicken Gespräch verwirrt, was ich denn da für Musik hören würde. Meine Antwort, ich hätte unsere Wochenendpläne etwas verändert und wir würden 36 Stunden lang Kirchenlieder hören, löste fast dieselbe Reaktion wie bei Gesa aus. Nach einer Schrecksekunde versprach Martin aber tapfer, dem Projekt eine Chance zu geben. Was er dann auch tat. Am frühen Abend war die ganze Familie im Boot. Und da blieben wir, ausgenommen von Schlafpausen, einem Kaffeebesuch und einem Spaziergang, auch. Als am Sonntagabend/Montagmorgen um 00.15 die letzten Töne von Lied 899 verklungen waren, fühlten wir uns wie Sieger. „Geschafft!“ jubelten wir mit den Beteiligten.

Viel haben wir während der 36 Stunden und auch hinterher darüber diskutiert, was den Reiz dieser Sendung ausgemacht hat, dem übrigens nicht nur wir erlegen sind: NRK meldete 2,2 Millionen Zuschauer. Bei 5 Millionen Einwohnern im Land schon eine beachtliche Zahl. Und die Begeisterung blieb nicht nur innerhalb der norwegischen Grenzen. Das ARD-Studio Stockholm drehte einen Beitrag für den Weltspiegel, aus Südkorea kam ein Fernsehteam angereist und neben Chören u.a. aus Trondheim, Bergen, Oslo und Tromsø gab es auch eine Direktschaltung nach Iowa/USA, wo sich der Chor der First Lutheran Church am Gesangsmarathon beteiligte.

Woher kam die Faszination? Eine berechtigte Frage, denn eigentlich sprach alles für Langeweile: Ein kaum wechselnder Raum, unterschiedliche, aber doch ähnliche Musik, ein paar Moderationen und Interviews – fertig. Aber so einfach war es eben doch nicht. Zuerst die „sportliche“ Perspektive: Da nehmen sich ein paar Fernsehleute vor, das komplette Gesangbuch singen zu lassen – tolle Idee – das schaffen wir. Kollektiver Ehrgeiz sozusagen. Dann die kulturelle Perspektive: Ich habe wirklich viel über Norwegen gelernt an diesem Wochenende. Es waren nicht nur die 899 Lieder, viele von ihnen norwegisches Traditionsgut, andere aus dem Ausland importiert und integriert. Es waren nicht nur die unzähligen Sänger und Dirigenten der insgesamt 200 Chöre, die mit Leidenschaft und Spaß sangen. Es waren nicht nur die Bilder aus verschiedenen Ecken Norwegens oder die Begeisterung, als ich Samstagmorgen plötzlich ein bekanntes Gesicht in einem der Chöre entdeckte.

Es war, als sei man Teil einer Aktion gewesen, die für ein Wochenende einen großen Teil der Bevölkerung in ihren Bann gezogen hatte. Wenn auch völlig unerwartet. Außerdem hatte ich das Gefühl, als sei die Beteiligung VOR dem Fernseher genauso wichtig zum Gelingen wie das Singen der Chöre im Fernsehen. Und wie die Menschen sich beteiligten: Über Twitter und per Email konnten sich Zuschauer mit Fotos oder Nachrichten melden. Da saßen dann Freitagabend Studenten mit Taco und Kerze vor dem Fernseher, ein älteres Ehepaar sang immer im Wechsel vorm Fernseher mit, Samstagmorgen schickten Familien Fotos vom Frühstückstisch während Amazing Grace im Hintergrund erklang, Oystein schickte per Twitter Grüße an seinen Onkel Asbjørn, der gerade seinen großen Auftritt mit dem Chor hatte. Simon lernte für Matheexamen und fand, dass Kirchenlieder dazu prima passten. Andere waren kurz davor Amok zu laufen, sollten sie noch ein einziges Chorlied hören.

Ein landesweites Phänomen.

20141130_200155

Klar ging es vor allem auch darum, zu sehen und gesehen zu werden. Deswegen zeigten die Kameras alle Sänger, Musiker und Dirigenten in Großaufnahme, deswegen saßen Verwandte, Freunde und Arbeitskollegen vor dem Fernseher, deswegen war die Trondheimer Kirche so gut besucht, deswegen schickten Zuschauer Fotos und Kommentare. 15 minutes of fame. Ja, vielleicht. Vielleicht aber wirklich nur der Wunsch, an etwas Besonderem beteiligt zu sein. Und darum zu singen. Und zu singen und zu singen. Musik verbindet.

Was wird sich nun ändern? WIRD sich etwas ändern? An Tag 1 nach dem Marathon hörte ich zwei Frauen im Buchladen nach Gesangbüchern fragen. Bei Twitter suchten Zuschauer nach den Kontaktadressen bestimmter Chöre und auf Facebook wurde überlegt, mal wieder häufiger in die Kirche zu gehen. Alles wegen NRK Minutt for Minutt Salmeboka. Ob die Verantwortlichen überhaupt etwas verändern wollen, weiß ich natürlich nicht. Und ob das norwegische Fernsehen Interesse daran hat, die norwegischen Kirchen oder Chöre zu füllen, weiß ich auch nicht. (Obwohl mich gerade die Zusammenarbeit zwischen NRK und Kirche ein bisschen irritiert hat.)

Ich hatte auf jeden Fall ein ungewöhnliches, musikalisches, kulturelles und irgendwie patriotisches Wochenende. So verrückt es auch klingt, aber 36 Stunden Chorgesang waren ein echtes Erlebnis!

***

So, das war es schon für heute, meine lieben Leser. Ich wünsche Euch allen eine tolle Woche, genießt den dritten Advent und macht es Euch gemütlich. Meine wöchentlichen Grüße gehen diesmal an alle Omas und Opas da draußen: Was wären wir alle ohne Euch!!! Ich kann zum Beispiel heute mal wieder vormittags meinen Blog schreiben, weil meine Mutter mit Gesa durch den Park schiebt. Und das ist klasse 🙂 Macht es gut, liebe Leser, bis nächsten Freitag…

Ha det bra,

20141201_001330

Ulrike

Hallo, Tante Pose! ODER Von Plastiktüten und dem norwegischen Staatshaushalt

filmbasen,no

filmbasen,no

Bevor ich nach Norwegen kam, habe ich diese hübschen Stoffeinkaufsbeutel benutzt. Ihr wisst schon, die, die man so zusammenknüddeln kann, um sie dann in eine kleine Tasche zu stecken. Fand ich super! In Schottland war ich ganz wild auf die TESCO-Jute-Einkaufstasche mit Marienkäfern und trug sie auch noch in Frankreich begeistert mit mir herum. Hier in Norwegen? Da bin ich ein Tütenmonster geworden. Wirklich wahr. Aber damit ist bald Schluss. Denn die norwegische Regierung hat zugeschlagen und will Plastiktüten versteuern. Aber nicht aus ökologischen Gründen.

Der Staat braucht Geld.

Hallo, meine lieben Leser, schön, dass wir uns hier wieder treffen. In Oslo diskutierten die Regierungsparteien in den letzten Wochen den Staatshaushalt 2015. Budgetverhandlungen sind nicht einfach. Das kennen wir ja von uns. Im Gegensatz zu uns stritten die vier Parteien aber tagelang über Steuern, Ökoabgaben oder die Nutzung des Öl-Fonds. Am Ende stand fest: Es fehlt Geld. So ganz habe ich das Problem nicht begriffen, aber das Loch im Staatshaushalt scheint mit der Senkung der Vermögenssteuer zusammenzuhängen. Finanzministerin Siv Jensen (Fortschrittspartei) stand also vor der Frage: Woher bekommen wir die fehlenden Milliarden? Und dann muss irgendwer im Supermarkt eine Erleuchtung gehabt haben:

PLASTIKTÜTENSTEUER!

Wart Ihr schon einmal in einem norwegischen Supermarkt einkaufen? An der Kasse fragt die Kassiererin: „Vil du ha pose?“, ob Ihr also eine Tüte möchtet. Ein „Ja, bitte!“ belastet das Portemonnaie mit 1 norwegischen Krone. Deutsch wie ich bin, dachte ich immer, diese eine Krone soll mich davon abhalten die Tüte zu kaufen, ergo zu umweltbewussterem Handeln verleiten. Folge ich dieser Logik, müsste die Regierung mit ihrer Plastiktütensteuer wollen, dass ich keine Tüte kaufe.

Falsch.

Erinnert Euch: Die Regierung braucht Geld.

Statt also auf eine Reduzierung des Plastiktütenverbrauchs zu hoffen, zählen die Politiker offensichtlich darauf, dass Norweger und Ausländer weiterhin kaufen. Jede Tüte soll 1,50 Krone kosten. Im Supermarkt, der ja bereits 1 Krone verlangt, steigt der Preis also auf 2,50 Kronen. Dem Staatssäckel soll das 1 Milliarde norwegische Kronen zusätzlich bringen.

1 Milliarde….das muss man sich mal vorstellen.

Seit die Tütenabgabe (Poseavgift) letzte Woche beschlossen wurde, schlagen die Wellen hoch. Kritiker werfen der Regierung vor, überhaupt eine neue Abgabe einzuführen und auf der anderen Seite die Vermögenssteuer so zu senken, dass die Reichsten den größten Vorteil haben. Supermarktketten schreien auf und fragen, wie diese Abgabe denn praktisch durchgeführt werden soll. Und die Renovasjonsetater, die kommunen Abteilungen für Abfallwirtschaft, befürchten umweltschädigende Folgen durch die Tütenabgabe.

Das musste ich dann mehrfach lesen, um es zu verstehen.

Die Abteilung für Abfallwirtschaft, die hier in Oslo seit knapp drei Jahren die Mülltrennung durchführt und damit, in meinen Augen, ökologische Ziele verfolgt, spricht sich gegen die Tütensteuer und damit, finde ich, gegen eine eventuelle Reduzierung von Plastiktüten aus. (Denn, seien wir ehrlich, es könnte auch sein, dass das mit der Milliarde nichts wird und die Leute einfach weniger Plastiktüten kaufen. Könnte sein.) Die Abfallbeauftragten fürchten folgendes Szenario: Die meisten Norweger benutzen die Plastiktüten aus dem Supermarkt als Mülltüten für ihren Restabfall (in Oslo) oder ihren Bioabfall (im Rest des Landes). Beraubt man die Menschen nun ihrer „Mülltüten“, werfen sie ihren Müll vielleicht tütenlos in die Mülltonne. Besonders bei Bioabfall keine gute Idee, so die einheitliche Abfallexpertenmeinung von Oslo bis Bergen. Die Tonnen würden anfangen zu stinken. Plastiktüten seien dagegen hygienischer. In Oslo bestehe auch die Gefahr, dass die Bevölkerung ihre Müllsortierbeutel, die es kostenlos im Supermarkt gibt, für den Restmüll benutze. Das wiederum wäre ein großes Problem für die automatisierte Mülltrennung und würde zusätzliche Kosten verursachen. Außerdem sei das Recycling gefährdet, da sich eventuell nicht recyclefähiges Material in den Recycleprozess mischen könnte.

Hm.

Ich bin kein Müll- oder Umweltexperte, aber wenn ich quasi zum Gebrauch von Plastiktüten aufgefordert werde, finde ich das seltsam. Schließlich wird man in vielen anderen Ländern davon abgehalten. Gerade letzte Woche haben sich beispielsweise die Vertreter der EU-Mitgliedsstaaten auf eine Reduzierung des Plastiktütenverbrauchs bis 2025 geeinigt. Aus ökologischen Gründen. In Irland werden Plastiktüten bereits mit 22 Cents pro Stück besteuert (aus Ökogründen), in Italien sind Tüten aus nicht abbaubarem Material verboten. Der Trend geht also weg von der Tüte. In Norwegen hingegen scheint man auf das weiterhin tütenbejahende Verhalten der Bevölkerung zu hoffen.

Ab März 2015 soll die poseavgift offiziell erhoben werden und bis dahin müssen noch viele Fragen geklärt sein. Zum Beispiel, ob eine kleine Tüte aus der Apotheke genauso viel Abgabe kostet wie die große Tüte im Supermarkt? Wie wird die Abgabe in Geschäften erhoben, deren Tüten bisher kostenlos waren? Muss der Kunde an der Supermarktkasse pro Tüte 2,50 Kronen bezahlen oder wird die Abgabe auf Produkte umgelegt? Und die im Moment am meisten diskutierte Frage: Wessen Idee war die Tütensteuer überhaupt???

Es gibt eine norwegische Filmkomödie mit dem Titel Tante Pose, also Tante Tüte. Darin stört, laut Wikipedia, eine schlechtgelaunte Tante durch ihren Besuch das ansonsten harmonische Weihnachtsfest einer norwegischen Familie. Wer, fragen die norwegischen Medien, ist die Tante Pose 2014? Welche Tütentante ist schuld an der Tütensteuer?

Finanzministerin Siv Jensen will es nicht sein, eben sowenig wie Trine Skei Grande von der Venstre-Partei. Die behauptet aber, es sei die Idee von Jensens Fortschrittspartei gewesen, was ihr von der Seite den Vorwurf einbrachte, sie sei eine Lügnerin. Und so streiten sie sich hin und her und am Ende kann ich nur dem Kommentator von Dagens Næringslivs, Kjetil B Alstadheim, zustimmen, der meinte, es sei ein gutes Zeichen, dass am Ende von schwierigen Budgetverhandlungen der Streit über Plastiktüten ausbreche. Größere Probleme habe das Land anscheinend nicht.

Mich hat die ganze Tüten-Diskussion dazu gebracht, endlich meine bunten Stoffbeutel zu reaktivieren und Müllbeutel von der Rolle zu benutzen. Das ist zwar anscheinend nicht im Sinne der Regierung, aber hoffentlich besser für die Umwelt.

***

Das war es schon für heute, meine lieben tütenlosen Leser. Danke an Christine, die mir das Tütenthema vorgeschlagen hat (ich werde sie deswegen aber nicht Tante Pose nennen! :)….). Es schneit in Oslo und die Adventszeit steht vor der Tür. Meine Lieblingszeit! Ich wünsche uns allen Tannenduft, leckere Kekse, Schneeballschlachten, heiße Schokolade, Kerzenschein und vor allem genug Ruhe, die Zeit zu genießen. Ehrlich! Fahrt Euren Weihnachtsstress runter, legt die Weihnachtsliste beiseite, schnappt Euch Partner, Kinder, Eltern, andere Familienmitglieder, Freunde oder Haustiere und habt einfach Spaß zusammen! Allen in Norwegen empfehle ich für dieses Wochenende einen Blick zu NRK 2: Minutt for Minutt, das norwegische Slow-TV-Format ist diesmal musikalisch. 200 norwegische Chöre singen das neue norwegische Gesangsbuch – alle 899 Lieder in 60 Stunden. Außerdem startet am 1. Dezember der Aufmunternde Adventskalender und ich freue mich zu lesen, ob und wie Ihr Euch daran beteiligt!

Ha det bra,

2014-11-07 11.19.07

(meine Lieblings“tüte“ samt Lieblingsinhalt)

Ulrike

 

Wer ist Marius? ODER Stricken wie die Norweger…

„Du glaubst nie, was ich von meinen Kollegen als norwegisches Abschiedsgeschenk bekommen habe!“ fordert mich letztes Jahr meine Freundin Ines zum Raten heraus. Ich schwanke zwischen Brunost-Hobel und Langlaufskiern. „Einen Mariusgenser!“ – „Wow!“ sage ich, um ihre Begeisterung nicht zu dämpfen. „Häh???“ denke ich ganz im Stillen. Einen Marius…was?

Hallo, meine lieben Leser und schön, dass wir uns hier wieder treffen. Ich wollte die Wissenslücke nicht lange offen lassen und googlete „Mariusgenser“. Ach soooo, rief ich kurz danach! Da denkt man, man kennt etwas nicht, aber in Wirklichkeit ist nur der Begriff unbekannt. Dabei hatte ich Mariusgenser schon oft gesehen und bewundert. Jeder Norweger scheint einen zu besitzen. Ihr kennt die auch:

Dieser Pullover schreit geradezu „Nooooorwegen!“ und das typische Muster findet sich heute nicht nur auf Pullovern sondern auf Kaffeebechern, Autos, Handyhüllen, Radiergummis, Kuchentellern, Souveniren, selbst mein Klopapier schmückt sich zur Weihnachtszeit mit Mariusmuster. Hier ist die Anleitung:

Quelle: Marius strikkebok

Quelle: Marius strikkebok

Aber wer ist nun dieser Marius, nachdem dieses Muster benannt wurde?  Als ich diesmal nur „Marius“  in das Google-Suchfenster eingebe, erscheinen:

  • Marius Müller-Westernhagen (sofort singe ich „Mit Pfefferminz bin ich dein Prinz…“)
  • Marius Schneider, ein deutscher Musikforscher
  • Mariusz Pudzianowski, ein polnischer Strongman. (Was das wohl ist? Kennt Ihr das? Man sucht nach EINEM Begriff und stößt dabei auf immer neue Begriffe, die man eigentlich auch googlen sollte. In diesem Fall bleibe ich aber eisern. Ich werde später herausfinden, was genau ein Strongman ist.)

Es stellt sich heraus, dass MEIN Marius nicht, wie ich dachte, der kreative Großvater meiner beider Strickgurus Arne und Carlos ist. Marius hatte mit Stricken gar nichts am Hut. Steht jedenfalls nirgendwo. Marius hieß mit Nachnamen Eriksen, war Skifahrer, Kriegsheld, Model und spielte in einer norwegischen Filmkomödie der 50er Jahre namens Troll i ord einen Skilehrer. Das war so ein cineastischer Vorfahr der Willi Bogner Filme und Marius‘ Auftrittsszene sah so aus:

http://www.youtube.com/watch?v=s6DVmqGHJ_0

Das Muster seines schicken Wollpullovers wurde 1953 für diesen Film von Unn Søiland kreiert (später hieß sie Unn Søiland Dale). Sie war die erste sogenannte „Karrierefrau“ Norwegens und ich bin mir nicht sicher, ob die Herren den Begriff damals als Kompliment meinten. Geboren 1926 in Haugesund wuchs Unn in einer Familie von Strickern auf und bekam das Stricken von ihrem Großvater beigebracht.  Eigentlich wollte sie Architektin werden, der Vater war aber dagegen und es folgte eine Ausbildung als Lehrerin. Der abenteuerlustigen Norwegerin war das aber nicht spannend genug, Unn begann als Stewardess zu arbeiten und später als Mannequin in Paris. Wenn sie gerade nicht über den Laufsteg lief, strickte sie. Und zwar mit Erfolg. Nachdem Boutiquen in Paris Interesse an ihren Kreationen gezeigt hatte, kehrte sie zurück nach Norwegen und startete ihre eigene Firma Lillunn.

Nachdem ihre Strickmuster Eskimo…

und Slalom…

…erfolgreich in ganz Norwegen nachgestrickt wurden, bekam Lillunn 1953 den Auftrag, alle Darsteller des neuen Films Troll i ord mit ihren Wollpullovern auszustatten. Ergebnis war das Marius-Muster, inspiriert von Mustern aus dem Setesdal. Statt aber die natürlichen Farbtöne weiß, schwarz, braun und weiß zu nehmen, entstand ein kräftiges  Muster in den norwegischen Nationalfarben blau, weiß, rot. Und dieses nationalstolze Muster, dessen Rechte noch heute die Wollfirma Sandnes besitzt, sollte möglichst gut vermarktet werden. Marius Eriksen wurde als Werbeträger ausgewählt.

Schwupps, der Mariusgenser und das Muster Marius sind geboren.

Seit 1953 hat Sandnes die Strickanleitung zum Mariusmuster millionenfach verkauft. Das Muster wird in den verschiedensten Farben und Farbkombinationen gestrickt und gerne parodiert: 2008 kreierten Arne und Carlos für die Molkerei TINE den Cheese Attack – Pullover, bei dem sich Außerirdische im klassischen Strickmuster tummeln.

Im November 2014 startet die norwegische Zeitung VG einen Wettbewerb: Gesucht wird der Magnusgenseren, ein Muster gewidmet dem norwegischen Schachstar Magnus Carlsen. Moods of Norway, DIE norwegische Modefirma, wird den Pullover produzieren.

Und nun ist es passiert: Ich will auch einen Mariusgenser. ALLE haben einen und ich tendiere dazu, Sachen haben zu wollen, die alle haben. Blöd, was? Aber ich werde mir Marius nicht kaufen, ich werde ihn stricken. Jawohl! Aber zuerst muss ich mich mit dem Muster besser anfreunden. Darum beginne ich klein: Mit Topflappen. Im neu erstandenen Buch und Quelle für diesen Artikel Marius strikkebok habe ich die Auswahl zwischen Handytaschen, Babystramplern, Skistrümpfen und eben Topflappen. Und die werden es jetzt erstmal.

Ich werde Euch das Resultat später vorführen. An die Nadeln, fertig, los!

***

Das war es für heute, meine lieben Leser. Strickt Ihr auch? „Stricken konzentriert die Gedanken!“ soll Unn Søiland Dahl gesagt haben. Außerdem macht es Spaß, sage ich. Und wenn alles nach Plan verläuft, hat man am Ende einen wunderbar warmen Pullover, dicke Socken oder…naja, eben Topflappen. Interessanterweise haben früher (nur hier in Norwegen?) Männer genauso selbstverständlich gestrickt wie Frauen. Alle männlichen Leser seien also aufgefordert, auch mal zu den Nadeln zu greifen!

Ich wünsche uns allen eine tolle, gemütliche, warme und wollige Woche. Das Wetter lädt zum Stricken, Lesen, Backen und Tee trinken geradezu ein! Lasst es Euch gut gehen, lernt etwas Neues oder beschäftigt Euch mit Traditionen.

Ha det bra,

20141121_103621

 

 

Ulrike

 

Norwegischer Adventskalender der anderen Art ODER Jeden Tag eine gute Tat!

@Casper Cornelius Roalsvig Vasbotten

@Casper Cornelius Roalsvig Vasbotten

In manchen findet sich Schokolade, in anderen ein literarisches Zitat, einige bieten Bilder für jeden Tag bis Weihnachten und andere sind mit viel Liebe selbstgemacht: Adventskalender! Seit über 100 Jahren verkürzen sie uns die Zeit bis zum Weihnachtsfest. Hier in Oslo startete nun ein ganz besonderer Kalender unter dem Motto: „Jeden Tag eine gute Tat!“

Hallo, meine lieben Leser, schön, dass wir uns hier wieder treffen. Der erste weihnachtlich angehauchte Blogartikel 2014 *TUSCH*!! Und interaktiv wird es am Ende auch noch.

Das nur schon mal als Vorwarnung!

Vor einigen Tagen bekam ich über mein soziales Lieblings-Netzwerk Facebook eine interessante Meldung: Ines lud mich ein, mich am Oppmuntrende Julekalender 2014 zu beteiligen. Adventskalender muntern mich generell auf (vor allem die mit Schokolade) und ich klickte begeistert auf die Seite der Aktion. Doch nein, der Kalender wollte nicht MICH aufmuntern, ICH sollte das Aufmuntern unternehmen. Und zwar 24 Tage lang. Eben vom 1. bis 24. Dezember.

Interessantes Konzept, fand ich, und las weiter.

„(…) In der Weihnachtszeit geht es zu oft um Geschenke, Stress und Nörgeleien. Ich hätte lieber, dass es darum geht, den Menschen um mich herum zu zeigen, was sie mir bedeuten, wie wichtig sie für mich sind und wie sehr ich sie liebe. (…)“

Ohne religiös zu werden, hat der Initiator hier doch den Kern des jährlichen Weihnachtsstresses getroffen. Genau, es geht um die Menschen um uns herum! Nicht um Geschenke, Menüs, Dekoration oder Einkaufslisten. Versteht mich nicht falsch: Ich liiiebe Geschenke. Ich schenke gern und werde gern beschenkt. Und da ist ja auch nichts gegen einzuwenden. Aber die Prioritäten müssen stimmen. Und wenn ich die Adventszeit wegen organisatorischer Großprojekte nicht genießen kann, dann läuft etwas falsch!

Hier greift der Kalender ein. Denn was soll ich tun in den 24 Tagen?

Ich soll Menschen oppmuntrener… aufmuntern also oder ermutigen.

Und wie?

“Es funktioniert ziemlich einfach. Jeden Tag im Dezember (vom 1. bis 24.) munterst du Menschen in deiner Nähe auf: Geschwister, Freunde, Großeltern oder wen auch immer du willst. WIE du das machst, entscheidest du. Natürlich kannst du auch jemanden aufmuntern, den du nicht kennst: Bettler auf der Straße, die Person neben dir im Bus oder wen ganz anders. Kauf ihnen Schokolade, mach ihnen ein Kompliment oder tu etwas, von dem du denkst, dass es sie ermutigen und freuen würde. Das muss keine große Aktion sein. Eine kurze, freundliche Bemerkung kann bereits den ganzen Tag einer anderen Person besser machen.“

Nun muss ich nochmal nachgucken, ob der Initiator wirklich Norweger ist: Ich soll einfach eine Person IM BUS ansprechen???? Hier in Oslo, wo Augenkontakt in der T-Bane fast schon sexueller Belästigung gleich kommt?? Bettler auf der Straße haben wir allerdings genug, die werden sich wundern, was in den nächsten Wochen vor ihren Pappbechern und Hüten los ist.

Pfui, das war sarkastisch. Ich konnte nicht widerstehen. Entschuldigung.

Ich finde die Aktion wirklich ganz prima. Ein ganz klein bisschen naiv, aber was wäre die Weihnachtszeit ohne eine Portion Naivität und für gute Taten ist schließlich fast jedes Mittel recht. Und vielleicht hilft in unserer leistungs- und besitzverrückten Industriewelt auch nur noch Naivität weiter.

Die Aktion schlägt auf jeden Fall ein wie eine Bombe.

Ob ich in einem adventlichen Blog ein derartig kriegerisches Bild verwenden darf?

Ha! Ich hab’s!

Die Aktion schlägt auf jeden Fall ein wie eine WASSERbombe.

Geht doch.

In nur zwei Wochen haben sich über 10.000 Facebooker angemeldet. Das seien 240.000 Aufmunterungen, rechnet Ole Jose Norum, der den Adventskalender 2010 startete, in einem Kommentar vor. Damals waren es 500 Teilnehmer, eine Zahl, die der Kalender 2014 in wenigen Stunden erreicht hatte. Nun könnte man wieder kritisch werden und fragen: „Naja und WIE VIELE davon werden sich auch wirklich jeden Tag für 24 Tage die Zeit nehmen?“

ALLE, sage ich. Weil ich heute nämlich optimistisch bin. Und weil gestern eine Raumsonde nach 10jähriger Reise auf einem Kometen gelandet ist und ich daher der Meinung bin: Wir Menschen können alles, was wir wollen!

So.

Ich finde den Oppmuntrende Julekalender eine ganz fantastische Idee! Hier im Blog wird es ab dem 1.12. eine Extraseite dafür geben, auf der ich meine Ermutigungen notieren werde.

Und nun wird es interaktiv! DENN:  Für Euch ist da auch Platz! Denn schließlich ist nicht jeder bei Facebook und kann sich der Aktion dort anschließen.

Was völlig okay ist.

Doch, doch.

Nein, wiiirklich!

Obwohl…warum seid Ihr denn nicht dabei? Wir könnten uns prima befreunden. Ich poste auch unglaublich witzige Sachen! Gestern beispielsweise habe ich….

„ULRIKE!“

Zurück zum Punkt.

(Das war übrigens mein Gewissen, das darf jetzt auch beim Blog mitmachen.)

„Ulrike, weiter!“

Ich wollte dich ja nur vorstellen!

„DAS war meine Vorstellung?“

Äh..ja?

„Ulrike…“

Nein, nein…natürlich nicht. Dir gebührt ein ganzer Artikel. Mindestens.

„Genau. Und nun weiter im Text.“

(In unsichtbarer Geheimschrift nur für Leser lesbar: Hilfe, mein Gewissen terrorisiert mich.)

Da also nicht alle Leser bei Facebook sind, fordere ich Euch einfach hier auf: Macht mit!! Schickt mir einfach jeden Tag per Kommentar EURE „Gute Tat des Tages“. Ich werde Ole per Facebook informieren, vielleicht verlinkt er uns ja mit seiner Seite!

Man wirft den Norwegern gerne vor, sie seien reservierte Mitmenschen und ähnlich kalt wie das Land, aus dem sie stammen. Aber diese Aktion und auch die landesweite Teilnahme zeigt mal wieder: Vorurteile sind eben nichts wert!

***

So, das war es schon für heute. Die norwegische Internetwelt bietet viele interessante Fundstücke wie heute den Oppmuntrende Julekalender und ich werde mich 2015 weiter im norwegischen Netz für Euch umgucken. Hier in Oslo wird es immer früher dunkel und immer später hell, im Park jagen Gesa und ich die letzten Sonnenstrahlen, die Weihnachtsbeleuchtung erhellt den Bogstadveien und wir haben „Die Feuerzangenbowle“ schon rausgeholt. Uns allen wünsche ich eine tolle Woche, seid doch jetzt schon mal nett zu anderen (aber das seid Ihr bestimmt sowieso schon, oder? ;)…) und kauft Kerzen, Kerzen, Kerzen!

Ha det,

20141106_122828

 

Ulrike

Hurrah for deg! ODER So klingt es an Geburtstagen in Norwegen…

miljoagentene.no

miljoagentene.no

 

Hallo, meine lieben Leser, schön, dass wir uns hier wieder treffen. Heute ist der 24. Oktober und wer uns besser kennt, weiß: Martin hat Geburtstag! Es ist sein erster Geburtstag als Papa und den wollen wir natürlich ganz besonders feiern. Später am Tag mit lauter netten Menschen und vorher…naja, auch mit ganz netten Menschen, nämlich mit Gesa und mir :). Und da ich auch noch ein bisschen was für die „Party“ ab 17 Uhr (Willkommen in der Elternwelt!) vorbereiten muss, verschiebt sich…Ihr ahnt es schon…der Blog um eine Woche.

BUHHH!!!!

SCHANDE!!!!

Och, nun seid mal nicht so!

Damit Ihr aber nicht ganz bloglos ins Wochenende gehen müsst, lernt Ihr jetzt DAS norwegische Geburtstagslied. Ich habe es das erste Mal auf dem Vorhof des Schlosses hier in Oslo gehört, als jede Menge Norweger es begeistert für ihr Königspaar zum Hochzeitstag sangen.

Zuerst der Text, geschrieben von Margarethe Munthe, einer norwegischen Autorin und Lehrerin:

Hurra for deg som fyller ditt år!
Ja, deg vil vi gratulere!
Alle i ring omkring deg vi står,
og se, nå vil vi marsjere,
bukke, nikke, neie, snu oss omkring,
danse for deg med hopp og sprett og spring,
ønske deg av hjertet alle gode ting!
Og si meg så, hva vil du mere? (Gratulere!)

An Deinem Geburtstag/Ehrentag ein „Hurra“ auf Dich.
Ja, dazu möchten wir Dir gratulieren.
Alle, die wir hier im Kreis um Dich stehen,
tanzen für Dich ein Ringelreihen.
Wir verbeugen uns, nicken und knicksen für Dich, dreh’n uns dazu im Kreis,
hüpfen und springen, wiegen uns im Tanz,
und wünschen Dir von Herzen alles Gute.
Nun sage mir, Herz, was begehrst Du mehr.
Wir gratulieren!

(Quelle: Heinzelnisse)

Natüüürlich müssen beim Singen die angesprochenen Bewegungen ausgeführt werden..ist doch klar.

So, habt Ihr den Text drauf? Dann kommt hier die Melodie…

…erst in Notenform, für alle musikalisch gebildeten Leser…

Hurra for deg som fyller ditt år

 

…und dann, für alle musikalisch gehemmten, gesungen von meinen drei Lieblings-Youtube-Norwegern:

http://www.youtube.com/watch?v=EeXfePNHG9w&list=RDEeXfePNHG9w#t=36

So, dann übt mal ordentlich! Martin freut sich bestimmt über ein Ständchen 🙂

Ich wünsche Euch allen eine tolle Woche, singt mal wieder aus vollem Herzen, esst Kuchen, auch wenn nicht Geburtstag ist und lasst es Euch gut gehen! Wir feiern heute erst Geburtstag und freuen uns morgen auf Gesas Patenteam aus Hannover, das gerade in Kiel auf die Fähre wartet!

Ha det bra,

20141024_123021

Ulrike

 

Lørdagsgodt ODER Am Samstag wird in Norwegen genascht!

bbbed6fc-7484-40d8-9bb8-60c5db224d29

Schickt die Kinder aus dem Raum für die folgende gruselige Aussage und setzt Euch selber ganz schnell hin.

Bereit?

Sicher?

Besonders alle mit einem sogenannten sweet tooth, also einer Schwäche für Süßigkeiten, möchte ich jetzt vorwarnen. Ok. Here it comes. Mich gruselt es schon fast selbst….also, tief einatmen…und…

In Norwegen bekommen Kinder nur am Samstag Süßigkeiten.

!!!

Hallo, meine lieben Leser, wie schön, dass wir uns hier wieder treffen. Ja, da guckt Ihr…Süßigkeiten nur am Samstag. Das muss man erst mal verdauen, begreifen und sich vorstellen können. Lørdagsgodt nennt sich diese norwegische Tradition und sie funktioniert wie folgt: Die ganze Woche werden Kinder von allem Zuckerzeug ferngehalten und am Samstag dürfen sie dann zuschlagen. In manchen Familien gibt es einen Schokoriegel, süße Brötchen oder Kekse, in anderen eine 300g-Packung Weingummi.

Entstanden ist diese norwegische Tradition in Schweden. Wir schreiben das Jahr 1942. Bei fast allen schwedischen Wehrpflichtigen werden bei der Eingangsuntersuchung Löcher in den Zähnen festgestellt. Große Löcher. Ärzte und Gesundheitsministerium beschließen, dass etwas geschehen muss. Zucker wird als Verursacher der löcherigen Zähne vermutet, der Beweis dafür steht allerdings noch aus. Um diesen Beweis zu erbringen, startet in einem Sanatorium in Lund ein bis heute hart kritisiertes Experiment: 600 (ahnungslose und nie um Zustimmung gebetene) geistig behinderte Testpersonen werden fast genötigt, süße und klebrige Karamellbonbons zu essen. Und zu essen. Und zu essen. Nach einigen Jahren ist der Beweis erbracht: Übermäßiger Zuckergenuss führt zu Löchern in den Zähnen. Das schwedische Gesundheitsministerium schlägt daraufhin 1957 vor, Süßigkeiten nur noch am Samstag zu genießen. Der Begriff lördagsgodis (Samstagssüßigkeiten) entsteht und wird bald in Norwegen als lørdagsgodt übernommen.

Und gilt bis heute. Wie mit allen Traditionen ist es auch mit lørdagsgodt so: Nicht alle machen es. Aber erstaunlich viele. So wenigstens mein Eindruck, als ich im Bekanntenkreis und über Facebook nachgefragt habe. Und am Thema scheiden sich die Geister. Manche Eltern sind dafür, weil damit Diskussionen und Bettelaktionen der Kinder im Supermarkt vor dem Schokoladenregal ausfallen. Die Kinder akzeptieren, dass es Süßigkeiten eben nur am Samstag gibt. Unterstützt werden die Eltern dabei von den Kindergärten/Schulen, die anscheinend auch ein striktes Anti-Zucker-Regime führen.

Nein, das stimmt nicht.

Sagen wir ein Anti-Süßigkeiten-Regime.

Kindergärten, die Brot mit Kaviar-aus-der-Tube an Kinder verfüttern, sollten sich mal nicht so weit aus dem Fenster lehnen.

Finde ich :).

So, die einen finden lørdagsgodt also ganz prima, eine tolle norwegische Tradition, jawohl, auch sie sind so aufgewachsen, alles prima, alle machen das so, punktum. Toll.

Dann kommen die anderen, denen diese Gleichmacherei in Norwegen auf die Nerven geht. Ja, Ihr habt es Euch gedacht, das sind meistens ausländische Stimmen. Viele von ihnen finden das Prinzip lørdagsgodt völlig daneben, wollen sich nicht vorschreiben lassen, WANN sie ihrem Kind und OB Süßigkeiten geben. Außerdem, so feixen sie, solle man mal genau hingucken, wie viel Süßigkeiten norwegische Kinder am Samstag so bekämen. Das wäre eine wahre Zuckerschlacht und völlig übertrieben.

Im häuslichen Alltag ist das vermutlich gar nicht so leicht umzusetzen. Soll das Kind nur am Samstag Süßigkeiten bekommen, dürfen an den anderen sechs Tagen in der Woche keine Zuckersünden auf den Tisch. Nicht nur für das bemitleidenswerte Kind gilt das dann – nein, auch für die Eltern! Wie sonst soll ich meinem Kind lørdagsgodt beibringen? Aber wird das auch immer durchgehalten? Oder schleichen sich zuckerabhängige Eltern abends heimlich in den Keller, wo sich hinter den Langlaufskiern das geheime Zuckerversteck befindet? Und wie schrecklich, dann von den Kindern dabei erwischt zu werden. Gegenseitig schieben sich die beschämten Eltern die Schuld zu. Doch es hilft nichts. Die Katze ist aus dem Sack, der Zucker aus dem Keller. Ende mit dem lørdagsgodt.

Na gut, das ist vielleicht etwas übertrieben.

Aber lustig.

Eltern abends im Keller am Naschen…heimlich…wer weiß, das heizt vielleicht eingeschlafene Beziehungen wieder an…

An mir wird diese norwegische Absurdität sang- und klanglos vorübergehen. Der bloße Gedanke, nur einmal in der Woche Süßes zu essen, ist so erschreckend, dass ich zur Beruhigung erst mal ein Snickers essen muss.

Besser, danke.

Aber im Ernst: Das Prinzip ist nicht schlecht. Der Samstag wird dadurch zu einem besonderen Tag, an dem die ganze Familie sich etwas Süßes gönnt. Es müssen ja nicht gleich 300g-Tüten auf den Tisch kommen.

***

Absurd, oder? Aber norwegischer Alltag und ein wirklich nettes Blogthema, fand ich. Aber das war es schon wieder für heute. Obwohl es eigentlich gestern ist, nämlich genauer gesagt, die Nacht auf Freitag kurz vor 1 Uhr. Irgendwie habe ich das Blogschreiben noch nicht in Gesas und meinen Alltag einbauen können, aber das kommt sicherlich noch. Nun schläft sie aber selig und ich habe Zeit zu schreiben. Obwohl ich zugeben muss, dass meine Kreativität nach Mitternacht auch nicht mehr das ist, was sie mal war.

Ich arbeite dran!

Euch allen wünsche ich eine tolle Woche, wir haben die bestimmt, denn im Abstand von ein paar Tagen kommen uns Gesas Paten aus Deutschland besuchen. Meine wöchentlichen Grüße also diese Woche an Sabine, Imke und Kai – wir freuen uns auf Euch!!!

Genießt den restlichen Herbst, versüßt ihn Euch (und zwar nicht nur am Samstag) und vergesst nicht zu lachen!

Ha det bra,

20141017_010452

Ulrike